Anandra Reynn

Aus Auryen

Wechseln zu: Navigation, Suche

Account: zgep

Aussehen

  • Größe: 5 Fuß und 25 Fingerbreit
  • hellgraue Augen
  • Eher kurzes, dunkelstes Haar mit ein wenig rot
  • Geboren: 598 dIK
  • Spitznamen: Nandra
  • Besonderheiten: Eine lange dünne Narbe an der Innenseite der rechten Hand.


Beschreibung

Als sie auf einem Schiff aus Königsport auf Auryen eintraf war Nandra eine recht verschlossene junge Frau. Sie vermied sowohl Menschenmengen als auch längere Gespräche über ihre Vergangenheit und Herkunft. Wenig mehr als ihr Name und wie sie auf die Insel gelangte war aus ihr herauszubekommen. Zwar war sie im Gespräch recht zurückhaltend, zornige Blicke zog man sich aber sehr leicht zu. Inzwischen hat sie, nachdem sie erkannt hat, dass sie nicht mehr wie früher jedem gegenüber grundsätzlich misstrauisch zu sein braucht, einen Teil dieser Vorsicht abgelegt. Zwar ist sie noch lange nicht offenherzig oder vertrauenssehlig. Aber den einen oder anderen mag sie inzwischen sogar als Vertrauten und Freund betrachten. Im Moment sucht sie nach einem festen Dach über dem Kopf sowie Arbeit, wobei ihr egal zu sein scheint ob diese ganz offiziell oder eher unauffällig erledigt werden soll.

Charaktergeschichte

Eigentlich hätte Anandra eine schöne Kindheit haben sollen. Ihr Vater, Nathan Roman, ein Beamter bei der Hafenverwaltung in Königsport, ihre Mutter, Sera, liebevoll und warmherzig. Sie lebten zwar bescheiden, aber Hunger und Kälte mussten sie nie leiden. Neben dem Lesen und Schreiben lernte das auffallend schlaue Mädchen von ihrem Vater sogar das Rechnen und verschlang jedes Buch das aufgetrieben werden konnte. Doch aus irgendeinem Grund war sie, obwohl eigentlich von bürgerlichem Stande, selbst unter den Niederen beinahe eine Aussätzige. Allenfalls die Position ihres Vaters hielt die Büttel davon ab sie allzusehr zu belästigen und bei kaum einem Händler bekam sie je einen anständigen Preis. Ihre Altersgenossen scherten sich einen Dreck um sie sondern bewarfen sie bestenfalls mit selbigem. Schnell lernte sie, sich am Rande der Gesellschaft zu bewegen, unauffällig, in den Schatten. Mit der Zeit schnappte sie so einiges von dem auf, was so geredet wird wenn Leute glauben unter sich zu sein. Durch das Gehörte konnte sie sich zusammenreimen, dass ihre Mutter der Grund für diese kaum versteckten Feindsehligkeiten war, auch wenn sie bei vielem nicht verstehen konnte wie jemand derart schwachsinnige Gerüchte in die Welt setzen konnte.

Als sie und ihre "Freunde" zu alt wurden, um sich mit Erde und Obst zu bewerfen, bekam sie von diesen die selben Unwahrheiten ins Gesicht geschleudert. Oft genug kam es dabei zur Prügelei und recht schnell wagten es die meisten nicht mehr sie zu hänseln, wenn sie auf sich alleine gestellt waren. Mit dem Wissen, dass sie von der sogenannten Gesellschaft nichts zu erwarten hatte, sagte sie sich bald von ihren Regeln los. Die Händler, die immer noch zuviel ihres Goldes nahmen, entdeckten abends oft, dass irgendjemand sie mit gefärbten Kupfer bezahlt hatte, oder vermissten plötzlich eine Rolle Garn oder ein Laib Brot. Im schützenden Halblicht der Mondin verließen gar ein paar kleinere Wertsachen das eine oder andere eigentlich versperrte Haus. Ihre Mutter bemerkte sowohl die blauen Flecken und Schrammen, als auch das plötzlich für das gleiche Geld mehr Dinge den Weg von den Märkten ins Haus fanden als üblich und versuchte einige Male halbherzig ihre Tochter zur Rede zu stellen. Es blieb beim Versuch. Obwohl Nandra ihre Eltern liebte, wusste sie, dass sie manches besser für sich behielt. Und eine gute Lügnerin war sie schon immer gewesen.
Obwohl sie alles im Verborgenen halten konnte, wurde die Stimmung zuhause stetig schlechter. Immer öfter kam ihr Vater erst spät nach Hause, nur um dann mit ihrer Mutter zu streiten und wieder zu gehen. Die ersten paar Male hatte sie versucht ihre Mutter nach diesen Ausbrüchen zu trösten. Aber meist zog sie sich damit nur ihren Zorn zu, und auch wenn Sera sich jedes Mal danach bei ihr entschuldigte bevorzugte Nandra es bald das Haus zu diesen Zeiten zu verlassen. Eines Tages entschloss sie sich ihrem Vater zu folgen, als er zornig in die Dunkelheit davonstapfte. Doch anstatt in die Sandbank oder eine der anderen zahllosen Schenken zog es ihn in ein gewisses gelbes Haus. Ungläubig und den Tränen nahe lief sie an diesem Tag nach Hause. Sich an den Gedanken klammernd es könnte sich um einen einmaligen Ausrutscher handeln beschattete sie ihren Vater von da an noch mehrmals. Jedes mal wurde ihre Hoffnung enttäuscht. Als es ihr schließlich zuviel wurde wartete sie auf der anderen Straßenseite auf ihn. Als er wieder herauskam, betrunken, und sie erblickte sagte sie nichts. Ihre Trauer und Abscheu standen ihr deutlich genug ins Gesicht geschrieben. Als sie in die Schatten zurücktrat blickte ihr Vater noch eine Zeit lang trotzig zu der Stelle an der sie gestanden hatte. Er kam nicht mehr nach Hause an diesem Tag. Auch nicht an jenen danach. Selten brachte ein Bote ihrer Mutter ein wenig Geld ins Haus, ein Teil seines Lohns. Wo er untergekommen war, oder bei wem, erfuhr sie nie. Es kümmerte sie auch nicht mehr.

Nachdem Nathan ausgezogen war begannen die Belästigungen schlimmer zu werden. Die inzwischen Halbstarken entdeckten sie wieder als einfaches Ziel. Fast immer konnte sie ihnen in den dämmrigen Gassen entkommen. Einmal jedoch war eine der Abkürzungen, die sie sonst nutzte, versperrt. In die Enge getrieben kämpfte sie so hart und unfair wie sie konnte, unterlag am Ende aber der Meute. Als sie am Boden lag und sich nicht mehr gegen die Schläge und Tritte wehrte sah sie einen der Jungen einen Dolch ziehen: "Jetz wern wir dein Gsicht mal anpassn an was du wiklich bist!"
Mit verzweifelter Anstrengung schlug sie nach der Hand, die auf ihr Gesicht gezielt war. Feuriger Schmerz vernebelte ihren Blick, als die Klinge tief in ihre Hand einschnitt, aber sie riss den Dolch an sich. Erschrocken über ihre plötzlich wiedergekehrte Wehrhaftigkeit, aber auch über das eigene Vorhaben lies ihr Angreifer von ihr ab und lief davon, die Meute mit ihm. Verdreckt, blutend und mit pochenden Schläfen zwang sie sich aufzustehen und in Richtung des Tempelbezirks. Beinahe jeder an dem sie vorbeikam drehte sich neugierig nach ihr um, aber ihr zu helfen kam keinem in den Sinn.
Bei den Tempeln angekommen stellte sich ihr ein Novize des Sonnenbanners in den Weg und zischte sie leise an: "Du wagst es diesen heiligen Boden mit deiner Anwesenheit zu beschmutzen, Hexenkind? Weg mit dir, zurück in die Gosse!"
Wenn ihre Blicke hätten töten können, er wäre wie vom Schlag getroffen umgefallen. Sie erkannte ihn wieder. Melchior. Er stammte aus dem selben Teil der Stadt wie sie, oft genug waren sie als Kinder aneinander geraten. Den blutigen Dolch in der unverletzten Hand fester ergreifend starrte sie ihn an. Ihre beinahe schon ertastbare Wut erkennend trat der Novize schließlich vorsichtig zurück, wodurch er nun demonstrativ zwischen ihr und dem Tempel des Sonnenvaters stand. Zornig bewegte sie sich an ihm vorbei auf den Tempel der Mondin zu. Auf halbem Weg verbarg sie den Dolch in ihren Gewändern. Eine junge Tempeldienerin, ihrem Gehabe und Schmuck nach eindeutig von hohem Stande, schrak hoch als sie die Schwelle überschritt. Wahrscheinlich hatte sie noch nie zuvor Blut gesehen. Augenblicklich wurde sie zu einem Priester geführt. Dieser betrachtete schweigend die Hand und ihre sonstigen Blessuren und verlangte nach heißem Wasser, Tüchern, Heilsalben und Nadel und Faden. In der Kühle des Tempels und der von seltsamen Düften erfüllten Luft begann Nandra sich schwindlig zu fühlen. Die Fragen die ihr gestellt wurden waren von einem lauter werdenden Klingeln begleitet und die Mosaike an den Wänden begannen zu verschwimmen. Der brennende Schmerz der Nadel verlosch, als sie beim zweiten Stich unmächtig wurde.
Als sie erwachte lag sie zugedeckt mit Fellen auf einer Liege. Ihr ganzer Körper schmerzte. Langsam setzte sie sich auf, wobei ihr augenblicklich übel wurde. Irgendjemand rief ihr etwas zu, aber die Worte drangen nicht wirklich zu ihr durch. Sie spürte wie weiche Hände, die noch nie schwere Arbeit verrichtet hatten, sie stützten und aufrichteten. Jemand führte eine Schale mit Flüssigkeit an ihre Lippen. Langsam und vorsichtig trank sie einige Schlucke des kalten Wassers und der Schmerz verebbte. Als sie aufblickte sah sie die Tempeldienerin von vorhin, ihr sorgenvoller Blick auf Nandra gerichtet.
"Rosenblüten und Arnika, gesegnet vom Schattenlicht", erklärte sie, "Und jetzt erzähle mir was dir widerfahren ist, mein Kind."
*Mein Kind*, dachte sich Nandra, *du hast nicht halb soviel gesehen wie ich.*
"Celeste, du kannst jetzt gehen." Ein Priester näherte sich und ersparte ihr es so zu antworten, "Jetzt."
Mit fragendem Blick aber gehorsam wie es von ihr erwartet wurde verlies die Tempeldienerin den Raum.
"Deine Kleider haben wir weggeworfen. Auf dem Tisch neben dir sind ein paar Sachen die gespendet wurden. Zieh dich an und geh."
Nandra erblickte die zusammengefalteten Kleider. Auf ihnen lag der Dolch.
"Ich danke euch", brachte sie hervor, sich über den Klang ihrer Stimme aus geschwollenem Halse erschreckend.
"Dank der Mondin, nicht mir. Und jetzt zieh dich an und geh. Selbst die Geduld der gütigen Mutter ist beschränkt, besonders bei solchen von deiner Art."
Als sie nach draußen trat war es bereits Nacht. Rasch bewegte sie sich durch die Kälte nach Hause. Von diesem Tag an verlies sie das Haus nie mehr ohne die kleine Axt, mit der sie normalerweise das Feuerholz spaltete, und den Dolch, der sie daran erinnerte, was sie von den Menschen erwarten konnte.

Als sie das nächste Mal in Schwierigkeiten geriet und entkam, prägte sie sich das Gesich des Rädelsführers gut ein. Zwei Tage später, als dieser sich auf dem Weg von der Taverne nach Hause durch eine dunkle Gasse bewegte, wurde er von hinten gepackt und zwei schnelle Schnitte ließen ein Auge erblinden und tiefe Narben zurück. Auch wenn niemand etwas gesehen hatte, jedem war klar wer der Angreifer gewesen war, und was die Botschaft. Wer sich ihr früher in den Weg gestellt hatte, gesellte sich endlich zu jenen, die sie schon immer mieden. Nandra war das nur Recht. Ohne irgendeine Möglichkeit ehrliche Arbeit zu finden gehörte sie schon bald zum Schattenvolk. Aber auch dort waren die Loyalitäten geteilt. Zwar konnte sie machmal nützliche Informationen gewinnen, aber vertrauen konnte sie darauf nicht. Bei "Angelegenheiten", die man nicht alleine bewältigen konnte und bei denen sie mitwirkte, bekam sie meist jene Tätigkeit zugewiesen die das höchste Risiko barg und den geringsten Anteil am Gewinn brachte. So vermied sie jede Art von Zusammenarbeit so gut es ging und nachdem sie einmal aufs Kreuz gelegt wurde und nur mit knapper Not den Bütteln entkam, bevor sie sie erkennen konnten, ganz. Durch ihr Geschick und teilweise schlicht durch Glück konnte sie eine Zeit lang ihren Schnitt machen, ohne erwischt zu werden. Aber dann trat sie einer der zahllosen Banden und Gruppierungen auf die Füße. Sie hatte eine Unterhaltung zwischen einem Dieb und dem Strohmann eines Hehlers aus Thale belauscht. Ein wertvolles heißes Schmuckstück sollte so schnell als möglich auf ein Schiff und aus der Stadt. Eine Menge Gold war im Spiel, Ort und Zeit der Übergabe wurden festgelegt. Genug Gold für eine Überfahrt nach Auryen, der aufstrebenden Kolonie, wo niemand sie kennen würde. Ein neuer Anfang. Ein Leben ohne ständig über die Schulter schauen zu müssen. Der Entschluss war rasch gefasst. In der Nacht der Übergabe wartete sie in den Schatten des Wirtshauses auf den Hehler. Gemeinsam mit einer Wache trat er auf die Straße. Beide waren sichtlich nervös, der Strohmann schützte seinen plötzlich runderen Bauch mit beiden Händen, der andere hatte die Hand ständig am Gürtel. Die wenigen Lichter spiegelten sich auf blankem Metall. Offenbar vertrauten sie ihren Geschäftspartnern nicht wirklich, an sich eine gute Idee, war man doch von außerhalb und so verwundbar. Doch übermäßige Vorsicht kann ebenso Fehler verursachen als Leichtgläubigkeit und Naivität. An geeignter Stelle kurz vor dem Ort des Austausches bereitete Nandra ihr Zuschlagen vor. Als sich die beiden näherten warf sie einen Kiesel in die finstere Gasse hinter ihnen. In der lautlosen Nacht verhallte das Klackern wie Kanonendonner. Sofort zog der Wächter sein Rapier: "Warte!" und nach einer kurzen Pause: "Bleib hier und halt die Augen offen."
Kaum hatte er das gesagt war er auch schon in der Seitenstraße verschwunden. Der Strohmann seinerseits zog einen Knüppel aus seinem Gewand und starrte im angestrengt hinterher. Mit einem dumpfen "Ufff" ging er zu Boden als ihn die stumpfe Seite eines Beils an der Schläfe traf. Der Wächter erschien nur Augenblicke später wieder auf der Straße, doch die, die seinem Kumpanen den Mantel aufgeschlitzt und den schweren Lederbeutel genommen hatte war schon wieder verschwunden.
Nandra hastete durch die Gassen, auf direktem Weg nach Hause. Kein Geschrei wurde laut, kein Geräusch schwerer Büttelstiefel erschallt. Sie hatte es geschafft! Sobald sich etwas Staub über die Sache gelegt hatte würde sie eine unauffällige Überfahrt organisieren, für ihre Mutter und sich. Ein wenig Gold würde vielleicht sogar übrig bleiben und ihnen den Neuanfang erleichtern. Vor der Haustür blieb sie stehen. Voller Adrenalin, beinahe zittrig, zwang sie sich tief die kalte Luft zu atmen. Langsam fiel die Spannung von ihr ab. Sie lehnte sich an die Wand und lächelte, zum ersten Mal seit langem. Ihr Blick wanderte von dem Beutel zu den Sternen und über den Nachthimmel bis er auf die Mondin fiel. Kurz schloss sie die Augen und dankte in Gedanken der Herrin der Nacht. Dann schlüpfte sie leise durch die Tür. Müdigkeit überfiel sie, sich streckend gähnte sie leise. Holz knarrte hinter ihr. Sie wollte den Dolch ziehen, herumfahren, aber der andere war schneller. Ein erstickter Schrei kam über ihre Lippen, als ihr Hals gepackt wurde und sie scharfen Stahl an selbigem spürte. Ein heftiger Schlag in die Nieren lies sie auf die Knie fallen. Der Beutel wurde ihr entrissen. Leise hörte sie die Stimme ihrer Mutter: "Anandra, bist du das?"
"Hol die Hex her, wir erledign beide", zischte derjenige, der sie festhielt in die Dunkelheit. Dann wisperte er ins Ohr: "Du hast glaubt du kommst davon? Du hast uns nur n bischen Arbeit abgnommen, wir hätn des selbe mit dem Kerl vorghabt."
Sie erkannte die Stimme wieder, es war der Dieb dessen Gespräch mit dem Strohmann sie belauscht hatte. Ein Schatten schob langsam die Tür zum Raum ihrer Mutter auf, ein Messer in der Hand. Sie wollte schreien, eine Warnung rufen, aber der Dieb würgte ihren Versuch im wahrsten Sinne des Wortes ab. Etwas ... geschah mit der Tür. In einem Schauer von Holzsplittern flog die Gestalt quer durch den Raum und gegen die Wand. Ihr toter Körper schien noch kurz seltsam zu glühen, aber ohne Licht abzugeben. Der Dieb fuhr erschrocken hoch, dabei mit dem Dolch Nandras Haut aufreißend. Starr vor Schrecken und Faszination sah sie an die Stelle wo eben noch eine Tür gewesen war. Umgeben von Qualm erkannte sie Seras Gestalt. Ein dunkler Strahl schoss aus ihrer ausgestreckten Hand. Der Dieb hinter Nandra schrie kurz auf, danach war ein dumpfes Poltern zu hören als seine Leiche in sich zusammenfiel. Die Tür nach drausen wurde aufgeschlagen und jemand stürmte panisch schnaufend ins Freie. Unfähig zu denken begegnete ihr Blick dem sehr bitteren und ernsten ihrer Mutter.
"Bist du verletzt? Lass mich deinen Hals sehen." Seras Finger tasteten über ihre Kehle. "Es ist nicht schlimm. Ein Kratzer. Wir müssen von hier fort. Verstehst du mich? Verstehst du?"
Nandra nickte stumm.
"Komm, steh auf. Wir haben nicht viel Zeit."
Wie betäubt stand sie auf. Sera war zurück in ihr Zimmer geeilt und warf einige wenige Kleider auf das Bett. Dazu ihr kleines Schmuckkästchen, die Schatulle mit Erspartem und die Dinge, die auf ihrem Nachttisch lagen. Das ganze wurde zu einem Bündel zusammengerollt und Nandra in die Hand gedrückt. Dann warf sie sich einen Mantel über und zog Sera am Arm auf die Straße hinaus. Es begann gerade zu dämmern. Ein oder zwei Gesichter waren an den Fenstern der umliegenden Häuser aufgetaucht und einer ihrer Nachbarn stand in der Tür seines Hauses. Schnellen Schrittes folgte sie Sera Richtung Hafen. In einer schmalen Gasse blieb sie stehen. Als Sera das bemerkte blieb sie ebenfalls stehen und wandte sich um: "Nandra, wir müssen weiter."
Anandra sah sie an, Tränen standen ihr in den Augen: "Das war Hexenwerk, nicht wahr."
Ein Schatten legte sich auf Seras Gesicht. Langsam ging sie auf Anandra zu. Instinktiv wich diese einen halben Schritt zurück. Sera fasste sie an den Armen. "Hör mir zu, hör mir gut zu. Ich bin kein schlechter Mensch. Du weist das. Vergiss nicht, ich bin deine Mutter. Ich kenne dich seit du geboren bist. Und du kennst mich. Du weißt, dass ich kein schlechter Mensch bin. Sag es mir!"
Anandra brachte kein Wort heraus. Sie konnte nur nicken. Gleich darauf schüttelte sie den Kopf. Danach schluchtzte sie und nickte entschlossener. Sera nam sie kurz in den Arm: "Wir müssen weiter."
An den Docks angekommen lösten zwei Schiffe in diesem Moment die Leinen. Von einer Hausmauer aus beobachtete Sera wie die Hafenwache sich entfernte, nachdem das Beladen abgeschlossen war. Sie wühlte das Schmuckkästchen und die Schatulle aus dem Bündel das Nandra hielt und lehrte den Inhalt von beiden in ein großes Tuch. Rasch gingen die beiden auf den Matrosen zu, der die Arbeiten überwachte. An einigen Fässern vorbeikommend hielt Sera an: "Warte hier. Das wird nicht lange dauern."
Von den Fässern aus beobachtete Nandra wie ihre Mutter mit dem Matrosen sprach. Zuerst schüttelte der Matrose nur den Kopf und machte Bewegungen wie um Sera zu verscheuchen. Als sie ihm den Inhalt des Tuchs zeigte änderte sich sein Verhalten. Nachträglich blickte er zum Schiff, dann zu den Soldaten der Hafenwache. Die Segel wurden herabgelassen, die letzten Matrosen gingen über die Planke an Bord. Leise knarrte der Mast, der Wind brachte die Segel zum Flattern. Jemand rief dem Matrosen von der Reling aus etwas zu. Dieser rief zurück und sagte dann etwas zu Sera, das ihr nicht gefiehl. Nach ein paar zornigen Gesten beiderseits winkte Sera Nandra zu sich. Als sie bei ihr ankam sah sie ihr ernst in die Augen: "Nandra, geh an Bord. Dieses Schiff bringt uns weg von hier."
"Wohin gehen wir?", fragte Nandra, sich langsam fassend.
"Das ist nicht wichtig. Aber wir müssen jetzt gehen." Sera drückte sie an sich. "Was auch geschieht, pass auf dich auf. Und vergiss nie, dass ich dich liebe wie eine Mutter ihr Kind nur lieben kann. Vergiss das nie. Und jetzt geh schon, ich komme gleich."
Mit diesen Worten schob sie Nandra in Richtung des Schiffs. Die Segel begannen sich im Wind aufzublähen. Nandra eilte über die schwankende Planke, bemüht nichts von dem Bündel ins Wasser fallen zu lassen. Hinter ihr sprang der Matrose an Bord. Ein bärtiger Mann kam auf sie zu. "Wasn dat? Was machtn son Bälger auf mein Schiff?"
"Hab nochn Passagier aufgetriebn Kapitän. Hat es eilig, Kapitän", erwiederte der Matrose, "Hat anständig gezahlt, Kapitän", und hielt ihm das Tuch hin.
Ganz langsam verrutschte die Planke ein Stück. Überlegend blickte der Kapitän auf das Tuch, dann auf Nandra.
"Na dann", sagte er schließlich, "und hold endlich de Planke ein, ihrs Rattn. Die fallt ja gleich ins Waser!"
Nandra drehte sich um. Zwei Seeleute zogen das Brett an Bord. Sera war nirgendwo zu sehen.
"Nein, wartet! Meine Mutter ist noch nicht hier!", rief sie und lief auf die Reling zu. Der Matrose hielt sie zurück. Langsam glitten die Gebäude des Hafens vorbei. "Tut mi leid, Fräulin, aba es hat nur fü ene Fahrt greicht."
Erschrocken sah Nandra ihn an. Dann lies sie das Bündel fallen, riss sich los und eilte zum Heck des Fahrt aufnehmenden Schiffs. Sera stand noch an der selben Stelle wie vorhin. Als sie Nandra erblickte hob sie langsam die Hand.
"Nein!", kam Nandra über die Lippen, ganz leise, erstickt von dem plötzlichen Kloß im Hals. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Mutter nicht einmal Schuhe trug.

Das Schiff war eigentlich nicht für Passagiere ausgerichtet. Die Mannschaftsunterkünfte waren voll belegt, und so bestimmte der Kapitän einen Platz im Frachtraum für Nandra, zwischen Kisten mit Stoffen und Gewürzen. Nachdem sie den Hafen nach ein paar Minuten hinter sich gelassen hatten brachte ein Matrose sie von der Reling am Heck, an der sie immer noch gestanden hatte, dorthin hinunter. Apathisch registrierte Nandra, dass ihre Sachen schon heruntergebracht worden waren. Eine Hängematte lag zusammengerollt am Boden.
"Du west wie man son Ding aufhängt, west du?", fragte der Seemann.
Nandra nickte: "Ja. Ja weis ich."
"Jut. Essn wird dir gebracht, Kapitän will ned zu viel von uns um dir rum, Moral un so, verstehst", grinste er sie an. Als er ihrem Blick begegnete verstummte er und hatte es auf einmal recht eilig wieder zurück an seine Arbeit zu kommen. Als er gegangen war glitt Nandra an der Kiste zu Boden und begann leise zu weinen.

Der eisige Wind machte sie frösteln und sie wickelte sich fester in den Mantel. Es war eine klare Nacht, jeder einzelne Stern schien sichtbar zu sehen zu sein. Die Mondin wirkte rießig und beinahe greifbar nah. Es war die fünfte Nacht auf See. Inzwischen hatte Nandra erfahren, wohin das Schiff fuhr. Auryen. Welche Ironie. Ein schlechter Scherz des Schicksals. Die dummen Sprüche und Gerüchte hatten also einen wahren Kern gehabt. Ihre Mutter war eine Hexe. Wenn sie denn noch lebte. Ein schmerzvoller Ausdruck kroch über ihr Gesicht, als sie an Sera dachte. Ohne Schuhe, nur in einem dünnen Gewand und einem Mantel war sie dort gestanden. Hatte ihr zugewinkt, wie um ihr Mut zu machen. Jede Nacht hatte sie zur Herrin der Nacht gebeetet, sie angefleht Güte zu zeigen und Sera zu verschonen. Unter Tränen hatte sie ihr wieder und wieder geschildert, dass sie doch noch nie etwas verbrochen hatte. Eine Antwort hatte sie natürlich nicht bekommen. Das einzige was ihr blieb war Hoffnung, die Hoffnung das Sera durch eine glückliche Fügung aus der Stadt entkommen war. In Gedanken verfluchte sie die Faust des Lichts, die Magier und den Kaiser und ihre dummen Gesetze. Und den Mob, die Dummheit, die sinnlose Angst, die mit Fackeln und Scheiterhaufen sichtbar gemacht wurde. Lange betrachtete sie den Ring. Es war der Ring den Nathan ihrer Mutter zur Hochzeit geschenkt hatte. Selbst nach all dieser Zeit hatte Sera es nicht geschafft das Schmuckstück auch nur in eine Schublade oder ihr Schmuckkästchen zu räumen. Er war gemeinsam mit den restlichen Sachen vom Nachttisch im Bündel gelandet. Eine feine Gravur befand sich an der Innenseite: Nathan & Sera Roman. Ein letztes Mal schloss sie fest ihre Hand um den Ring, erinnerte sich an die glücklichen Momente die es gegeben hatte, und warf den Ring dann in einem hohen Bogen in die Fluten. Anandra Roman war tot. Die junge Frau, die einige Tage später Auryens Ufer erreichte war ein unbeschriebenes Blatt: Anandra Reynn.

Was würde das Schicksal für sie bereithalten? Würde sie in ihrer neuen Heimat Frieden finden? Würde sie irgendwann zurückkehren? Würde sie ihre Mutter jemals wiedersehen? Würde jemand sie erkennen, und das gehetzt werden und Über die Schulter blicken wieder zu ihren ständigen Begleitern werden? War am Ende gar der Funke der Magie auf sie übergesprungen? Müde und verlohren war sie, als ihr diese und hunderte andere Fragen durch den Kopf gingen, als sie Auryens Boden betrat. Doch ihr Kampfeswille loderte wie Feuer, und sogar einen kleinen Funken Hoffnung konnte man in ihren Augen erkennen.


Persönliche Werkzeuge