Calamos und Mihor

Aus Auryen

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Galamas, die alte Hauptstadt des Kaiserreiches war lange geteilt durch die Kriege zwischen den Anhängern der Mondin und denen, die dem Sonnenbanner folgten. Stellenweise war die hohe Mauer sichtbar geworden, die sich durch die Herzen der Menschen aus dem Osten und dem Westen der Stadt zog. Dort wo die Häuser der feindlichen Lager aufeinander trafen, war so mancher Hinterhof durch eine steinerne Barriere geteilt.
Erbittert kämpften beide Parteien miteinander, vernarrt in den Glauben, dass ihr Licht am Himmel heller schiene, als das der anderen. Oft flogen Steine, wenn beide aufeinander trafen, Knüppel wurden geschwungen und Feuer brach aus. Nicht selten fand auch ein Messer den Rücken eines vermeindlichen Feindes. Es war schwer, unbeschadet von einem Ende der Hauptstadt zur anderen zu gelangen. Überall lauerten Gefahren.

Calamos und Mihor waren beste Freunde. Schon ihre Väter hatten in Kindertagen mit Holzschwertern den Kampf in den Wäldern um die Stadt geprobt, lange bevor die Stimmen aus den Tempeln das Volk in Aufruhr versetzt hatte. Und auch ihre beiden Söhne hatten von je her den Inhalt ihrer Taschen, die Kraft ihrer Hände, sowie die kühnen Gedanken ihrer jungen Köpfe geteilt, wie es sonst nur Brüder tun. Beide hatten viele gemeinsame Freunde, waren beliebt und überhaupt überall gern gesehen, was erstaunlich war, denn es gab doch etwas, was die beiden von einander unterscheiden hätte müssen. Mihor war aus dem Osten der Stadt, dort, wo der Tempel des Verdorrers stand. Calmaros Familie lebte hingegen im Westen von Galamas, dort wo der Mondinnentempel gebaut war. Doch anders als bei ihren Zeitgenossen trennte sie diese Tatsache nicht. Zu stark waren die Bande, als dass dies ihre Freundschaft ins Wanken hätte bringen können. So wuchsen sie gemeinsam zu kräftigen jungen Männern heran, schön und verwegen anzusehen, wenn sie Seite an Seite durch die Straßen der Stadt liefen, wo ihnen der ganze Kampf scheinbar nichts anhaben konnte. Eines Tages jedoch wandte sich das Glück ab.

Vom "Schwarzen Hahn" kam die Kunde, dass ein Sonnentempler sein Leben gelassen hatte. Wir wussten, dass Mihor in der Taverne gewesen war, um das Rosenfest mit Musik und Tanz, Speis' und Trank zu feiern. Als sicher war, dass er derjenige war, überfiel uns alle große Trauer und Verzweiflung. Schon viele Opfer hatte dieser Krieg gefordert, doch niemand war uns so nah gewesen, wie dieser allseits beliebte Jüngling.
Viele Hundert fanden sich ein, als er der Erde überantwortet wurde und Calamos war nicht der einzige, der seine Klagerufe laut über den Grabhügel schallen ließ. Unsere Gebet mögen Mihor auf dem Weg zum Götterpaar begleitet haben.

Doch kaum war die nächste Nacht vergangen und hatte die Mondin dem Sonnenvater weichen müssen, klangen schon die Rufe nach Rache durch die Straßen und Gassen des östlichen Stadtteils. Grimmige Männer, alt und jung, mit Stöcken und Fackeln bewaffnet, sammelten sich im Zug gen Westen, um Auszugleichen im scheinbar endlos währenden Zählen der Opfer.

Das Sonnenrad hatte noch nicht seinen höchsten Punkt erreicht, als sie ihn brachten. Zerrissen, dreckig und blutbeschmiert waren seine Kleider. Seine Glieder hingen leblos von der Trage und alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und natürlich: Auch sein Herz schlug nicht mehr. Als die Mondin zurückkehrte an das Firmament, betteten wir ihn neben seinen Freund. Seite an Seite würden sie nun die Wege des Götterpaares begleiten und wohl mitleidig auf die Stadt Galamas sehen, die sie so geliebt hatten, die ihre Liebe jedoch nicht erwidert hatte.

Es verging nicht viel Zeit und die Stadt Galamas zerfiel und ließ nichts als Ruinen zurück.

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