Das Horn des Südens

Aus Auryen

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Dem Zankatwald, der den größten Teil der Grafschaft Gording bedeckt, werden viele seltsame Geschichten nachgesagt. Die wohl bekanntesten ranken alle um jenen Baum, den es angeblich nur ein einziges mal in unserer Welt gibt. Seinen Blättern sagt man magische Kräfte nach und mehr als einer verschwand auf der Suche nach ihm für immer im Grün des Waldes. Auch für die Geschichte die hier nun erzählt werden soll, ist eben dieser Baum von größter Bedeutung, denn er ist der Ursprung für das, wovon hier die Rede sein soll. Dies ist die Geschichte eines sagenumwobenen Instruments, dass aus dem Holz der Nesselweide gefertigt wurde. Dies ist die Geschichte vom Horn des Südens.

Inmitten des Waldes befand sich ein stilles Gewässer, der Grünsee. Er lag auf einer dämmrigen Lichtung inmitten der uralten Bäume und war die Heimat eines Nöcks und seiner beiden Nixen. Am Rande des Sees stand die Nesselweide, deren Zweige beinahe das Wasser berührten und die jenen Ort einzigartig machte. Denn dieser Baum hat Kräfte, wie man sie sonst nirgends findet. Er verzweigt seine Wurzeln weithin und sein Zauber lässt seine Umgebung beinahe das ganze Jahr frühlingshaft erblühen. Ja, zeitweise scheint es, als setze er den Lauf der Jahreszeiten aus und verzaubere alles in ein Immergrün. Im Herbst jedoch, zu Beginn des Jonarus, wechseln die Blätter der Weide ihre Farbe. Der Baum macht sich für die kalte Jahreszeit bereit. Mit dem ersten Schneefall verliert er sein Blätterkleid an einem einzigen Tag vollständig und die Kraft, die sonst alles erblühen lässt, vergeht.
Die Wasserfrauen liebten den Nöck sehr. Sein Gesang hatte sie in ihrem Innersten berührt und so beschlossen sie ihm ein Geschenk zu machen. Natürlich sollte das keine gewöhnliche Gabe sein, wie ein goldener Umhang, eine Krone oder eine Schüssel mit Gebäck. Lange überlegten sie, was dem Wassermann gefallen könnte und dann kamen sie auf eine Idee. Sie spürten die Zauberkraft der besagten Weide und beschlossen ein Instrument aus ihrem Holz zu fertigen. Sie verließen also eines Tages das Wasser, um sich dem Baum zu nähern.

Nun hat wohl der ein oder andere schon Geschichten von der Nesselweide gehört und weiß um die Gefahr, die von ihr ausgeht. Es ist nämlich so, dass sich die Blätter der Weide entzünden, sobald ihr jemand zu nahe kommt. Zu der Zeit, da diese Geschichte spielt, wagte sich jedoch noch kaum jemand in den Wald und auch die Nixen waren noch nie aus dem Weiher gestiegen. So war ihnen die Eigenart des Baumes nicht bekannt und sie zogen sorglos ihrem Schicksal entgegen.
Die eine Nixe eilte der anderen voraus und lief lachend zwischen das tief hinab hängende Laub der Weide. Nur einen Wimpernschlag später entflammten die Blätter und die Nixe verbrannte ohne auch nur einen Schrei von sich gegeben zu haben. Die andere blieb bei diesem Anblick wie versteinert stehen. Mit Entsetzen starrte sie auf die Stelle, wo gerade noch ihre Schwester gestanden hatte. Trauer und Verzweiflung legten sich auf ihr Herzen und doch konnte sie von ihrem Vorhaben nicht ablassen, dem Nöck sein Geschenk zu machen. So sann sie nach einem Plan, die Blätter des Baumes zu überwinden.

Der ein oder andere weiß wohl, dass dies eigentlich kein gar so schweres Unterfangen ist, denn die Nesselweide verliert, wie die meisten Laubbäume, ihre Blätter über Winter. Doch dies war der Nixe nicht bekannt, denn in den Wintermonaten legte sich Jahr um Jahr eine dünne Eisschicht über den See und die Bewohner des Wassers betteten sich zur Ruhe, bis die Sonnenstrahlen des Frühjahrs sie weckten und der Baum längst wieder Laubwerk trug.
So galt es nun für die Wasserfrau einen anderen Weg zu finden, an das Holz der Weide zu gelangen und es dauerte gar nicht lange, da fiel ihr auf, dass sich die Zweige auch über das Wasser des Sees beugten. Sie beschloss unter diesen her zu tauchen und im Inneren an Land zu gehen. Und so geschah es auch. Sie überwand das Hindernis unter Wasser und stand bald am Stamm. Mit einer kleinen Axt schlug sie ein passendes Holz und wollte sich auf den Rückweg machen, da fiel ihr auf, dass sich das Wasser zurückgezogen hatte. Der Baum hatte mit seinen Wurzeln das Grundwasser gesenkt und da das Ufer hier ungeheuer flach verlief, der Nixe so die Rückkehr versperrt. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als am Fuße der Weide auszuharren und auf ihr Schicksal zu warten.

Der Nöck vermisste die beiden Nixen schon bald, denn er liebte sie ebenso, wie sie ihn. Auch bemerkte er, dass der Wasserspiegel gesunken war und so machte er sich sorgenvoll auf die Suche nach den beiden. Wie groß war sein Kummer, als er die eine zwischen den Zweigen des Baumes ausfindig machte. Und noch stärker ergriff ihn der Gram, als er hörte was geschehen war. Er überlegte hin und her, wie er die Gefangene retten könnte. Er sprach mit dem Baum, flehte ihn an, seine Liebste frei zu geben. Doch alles Bitten und Betteln half nichts. Die Weide ließ sich nicht erweichen.
Der Tag ging, der nächste kam. Aus Tagen wurden Monate und die Zeit ging ihren Lauf. Die Nixe verharrte jenseits der Zweige. Und weil sie nichts Besseres zu tun hatte, fertigte sie das Horn, das Geschenk für den Nöck hatte sein sollen. Als das Jahr sich dann neigte, verlor sie mehr und mehr an Kraft. Zwar sang der Nöck jede Nacht für sie, doch Schwäche überkam sie und eine kalte Starre legte sich mehr und mehr über ihr Herz. Als der Tag kam, da das Eis die Wasseroberfläche zu bedecken begann, blieb sie am Fuße des Baumes leblos liegen und das Horn ruhte zu ihren Füßen im Saum ihres grünen Gewandes. Das war auch der Tag, da der Nöck sich zur Winterruhe legte und bald schon umschloss der Schnee jenen Ort mit seiner ihm eigenen Stille.

Es war Anfang Cromar, da ein Wanderer durch den Zankatwald zog. Durch Zufall stieß er auf den mit Eis bedeckten See und entdeckte am Fuße der Weide die Nixe und das von ihr gefertigte Horn mit einer dünnen Schicht Schnee überzogen. Bezaubert von der Schönheit der Entschlafenen nahm der Fremde alle Mühen auf sich, sie in die Stadt zurück zu bringen. Dort hoffte er, ihren Hinterbliebenen zumindest den Trost bringen zu können, sie dem Götterpaar gefällig zur Ruhe zu betten. Doch niemand fand sich, der die Schöne kannte. Und so wollte er am Ende selbst dafür Sorge tragen, dass sie zu ihren Ahnen gelangte.
Nun war aber der Wanderer ein gläubiger Anhänger der Mondin und er entschloss sich somit jenen Körper dem Wasser des Meeres übergeben zu wollen. So bestieg er von einem Priester begleitet ein Boot und fuhr ein Stück den Angarion hinauf. Inmitten des Stromes ließ er den Körper der Nixe in die Fluten gleiten. Als dieser jedoch die Wellen berührte, ging eine Verwandlung mit der Wasserfrau vor sich. Im Wasser fand sie wieder in ihren wirklichen Körper und siehe da, auch das Leben kehrte zu ihr zurück. Mit fröhlichem Flossenschlag schwamm sie einige Kreise an der Oberfläche, ehe sie in den Tiefen des Flusses verschwand und den erstaunten Fremden mitsamt des Priesters an Bord des Bootes zurück ließ.

So gelangte nun das Horn des Südens nach Goryen. Der Wanderer war ein treuer Gefolgsmann des herrschenden Grafen und übergab diesem brav die Hinterlassenschaft der Nixe. Und seitdem ist der volle Klang des hölzernen Instrument das Signal des Südens. Was mit dem Wassermann und der Nixe geschah, ist mir nicht bekannt. Sicher ist nur, dass der Nöck den Wald verließ und der See schon bald austrocknete. Doch noch immer blüht der Baum an jener Stelle und legt seinen Zauber auf den Fleck, der nun nur noch eine Lichtung ist. Man sagt, wenn im Wald das Horn erschallt, lodern die Blätter der Nesselweide auf, als wüsste sie, dass da ihre eigene Stimme erschallt.

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