Der Nöck vom Azursee
Aus Auryen
Bei Untersteig, im Herzogtum Hallemark, liegt der Azursee, ein ruhiges Gewässer, das den Fischern des Dorfes ihren Lebensunterhalt bietet. Seit Jahrhunderten fahren sie vom schmalen Steg mit ihren Booten auf den See und werfen ihre Netze aus. Das Wasser scheint ihnen gut gewogen, denn der Fang ist meist reichlich.
Bulka, ein junger Kerl, war einer dieser Fischer, hatte sein eigen Boot und ein windschiefes Haus am flachen, mit Reed bewachsenen Ufer des Sees. Im Dorf war er bekannt für seine derben Späße. Kaum jemand blieb vor ihm verschont und Im Stiefel, in den Wackelnden Äpfeln und Im Bierfleck erzählte man sich viele Geschichten über ihn.
Eines Abends fuhr Bulka, wie er es gewohnt war, auf den See hinaus, um in der Nacht sein Netz auszulegen. Bald blinkten die Sterne und die Mondin zeigte ihr Gesicht, da zappelte etwas schweres in seinem Netz. Der Fischer war ein wenig besorgt, als er die heftigen Bewegungen sah, fürchtete er doch, sein Netz würde zerreißen. Daher zog er mit aller Vorsicht seinen Fang ein und staunte nicht schlecht, als das fahle Licht darauf fiel. Ein Weibsbild mit schwarzem Haar und blanken Busen, jedoch mit eines Fisches Schwanz wandt und drehte sich in seinen Maschen. Bulka lachte laut und rieb sich zufrieden die Hände. Verschreckt erhob die Nixe ihre Stimme:
"Ach Fischer, Fischer, lass mich frei ! Ich kann dein Fang nicht sein."
"So ? Kannst nicht sein ? Wie kommst du in mein Netz dann?
"Ach Fischer, Fischer, ein Missgeschick. Gib mich dem See zurück !"
"Oh nein, schöne Maid. Solch Glück hab ich nicht alle Tage. Dieser Fang wird mich reich machen und ein Ende aller Mühen sein."
Und es half kein Bitten und kein Betteln, Bulka zog die letzten Reste des Netzes in sein Boot. Doch als gerade der letzte Zipfel über die Bordwand gerutscht war, gab eine Welle dem Kahn einen Stoß. Der Fischer glitt aus, sein Kopf stieß an den Mast und Bulka ging über Bord und ward nie mehr gesehen.
Sein Kahn hingegen trieb an Land, wo ihn die Fischer fanden und mit ihr die Nixe, die bewusstlos war, nun aber die Gestalt einer jungen Frau angenommen hatte. Man trug sie in ein Haus und bettete sie warm, nicht ahnend, wen man da herbergte.
Doch bald schon merkte der Nöck im See, was ihm scheinbar geraubt worden war. In seiner Wut beschwor er den Sturm herauf, schickte Donner Blitz und Regen. Er riss die Boote von ihren Leinen und verschlang sie alle. Die Wellen warf er weit an Land, bis sie beinah die Hütten erreichten. das ganze zog sich tagelang und an Fischfang ward nicht zu denken.
Voll Angst saßen die Fischer beisammen und durch Zufall bei der jungen Frau. Da kam einem der Gedanken, dass sie der Grund für all ihr Leid war. Schnell machte das Wort 'Hexe' seine Runde und Holz fürs Feuer fand sich reichlich.
Da kam ein junger Spielmann daher, von Wind und Wetter durchgeweicht, nahm er in jener Stube am Kamin Platz. Als er sah, was vor sich ging, bat er, ihm die Geschichte zu berichten. Kaum hatten die Fischer geendet, bat er um Aufschub ihrer Tat. Nur eine Stunde sollten sie ihm geben. Die Fischer lachten nur und fragten, ob ihr Antlitz ihn verhext hätte. Doch der Spielmann blieb ernst und beharrlich, sodass sie schließlich seinem Wunsch nachkamen.
So trug der Barde die Schöne zum Strand, gerade so, dass ihn die hohen Wellen nicht erreichten. Und dort, dem Heulen des Windes zum Trotz, sang er dem Wasser zu:
"Nöck, Nöck, Nöck, König im See,
komm zeig mir dein Gesicht !
Nöck, Nöck, Nöck, König im See,
wir halten nun Gericht.
Nöck, Nöck, Nöck, König im See,
ich bring dem Dunkel Licht !
Nöck, Nöck, Nöck, König im See,
und sing' dir die Geschicht'.
Für einen Augenblick geschah gar nichts, dann auf einmal legte sich der Wind ein wenig, der Regen ließ nach und Donner und Blitze waren nur noch in der Ferne zu sehen. Doch am Ufer gab es ein Blubbern und Glucksen und Schäumen und etwas großes erhob sich aus der Tiefe. Der Nöck schob seinen gewaltigen, grünen Kopf über Wasser und die Fischer erstarrten vor Angst. Mit seinem langen, tiefgrünen Haar, dem mit Algen und Muscheln durchsetzten Bart und den finster schwarz blitzenden AUgen, sah er aber auch zum fürchten aus und seine tiefe, donnernde Stimme tat das ihrige dazu:
"Wer ruft mich in meinem Zorn ? Wer ruft mich hinauf ? Wer ruft das Gericht des Sees ?"
"Ich bin's, der Spielmann. Ich war's, der dich rief. Doch erst nimm' zurück, was dir nur gehört."
Und mit diesen Worten trat er vor und ließ seine Last in das ufernahe Wasser gleiten. Kaum hatte sie das Wasser berührt, da erwachte sie und die Verwandlung kehrte sich wieder um. Der Fischschwanz wuchs und mit einigen kräftigen Schlägen verschwand sie aus dem Sichtfeld der an Land stehenden.
Das Tosen und Brodeln schien sich wieder zu verstärken und auch Donner und Blitz klangen mit einem Male näher, als der Nöck rief:
"Laya ! So hattet ihr sie doch. Wie konntet ihr es wagen ?"
Doch der Spielmann hob seine Hand, nahm seine Laute vor und schlug einen Akkord an, bevor er sprach:
"Hört mein Lied, dass euren Zorn besänftigen mag. Das Volk am See wird es von nun an täglich singen. Ich baue darauf, dass ihr den See dann ruhen lasst."
Und ehe der Herr des Sees noch antworten konnte, begann das Lied:
"Laya, war des Königs Tochter
Fröhlich und bezaubernd schön
Lebte auf dem Grund des Sees
Kein Mensch hat sie geseh’n.
Doch des Nachts im Schein der Mondin
Strebte sie den Sternen zu
Verfing sich so im Netz des Fischers
Wurd’ wie ich und du
Tief im See da zürnt ihr Vater,
Das Fischervolk ist ahnungslos
Tagelang tobt schon der Sturm
Ach, wie kam das bloß ?
Als ein Spielmann hört die Worte
Lauscht der Rede wie gebannt
Was nun da geschehen war
Hat er gleich erkannt
Ruft den Nöck aus kalter Tiefe
Gibt ihm was ihm längst gehört
Bittet vielmals um Vergebung
Dass man ihn gestört
Laya, war des Königs Tochter
Fröhlich und bezaubernd schön
Lebte auf dem Grund des Sees
Kein Mensch hat sie geseh’n."
Je länger der Spielmann gesungen hatte, je mehr hatte sich das Wasser beruhigt. Der Wind war verstummt, hatte aber vorher noch die Gewitterwolken davon geblasen und nun schimmerte die volle Scheibe der Mondin am Himmel. Mit einem Mal wurde die Wasseroberfläche durchbrochen und die Körper dreier Nixen wurden für eine Sekunde sichtbar. Ihr Lachen klang hell zum Ufer hin. Da machte sich auch ein Lächeln auf des Nöcks Gesicht breit und sanft und schweigend versank er wieder im See.
Seit dem klingt das Lied des Spielmanns an den Ufern des Azursees und eine Weile hörte man es dort auch noch aus seinem Mund. Aber das ist eine andere Geschichte.
