Der Schatz des Seevolks

Aus Auryen

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Jedem, dem es vergönnt war, in seinem Leben das Meer zu betrachten – das weite schimmernde Meer, auf dessen Wellen sich das Sonnenlicht brach und in der Gischt tausende Diamanten glitzern ließ –der wusste um die Erhabenheit des Augenblicks, wenn das rote Flammenrad hinter dem Horizont verschwindet und nichts lässt als funkelnde Wassertropfen im vergehenden Licht des Tages.
So musste sich auch die junge Frau gefühlt haben, die an der Reling des Schiffes stand, dass sie hinfort tragen sollte, an die fernen Ufer einer Insel, deren neu erworbener Ruhm wie eine Verheißung durch die alten Städte des Imperialen Festlandes strich. Die junge Frau, deren Stand die Anrede Dame durchaus gerechtfertigte, denn sie war von hoher Geburt, war auf dem Wege, ihrem Verlobten zu folgen, einem Adelsmanne, der im fernen Westen auf die Entfaltung hoffte, derer es ihm in der Heimat mangelte, um eine der ersten zu sein, die im neuen Lande den Bund schwören sollte.
Sie war darob nicht glücklich, nicht allein wegen des Mannes, der so viele Jahre mehr zählte als sie, nein, auch aufgrund der Ungewissheit ihres neuen Lebens. Sie hätte all ihre Reichtümer, die ihr Vater als Mitgift aussandte und die gewiss nicht gering waren, gegeben, um jenem Schicksal zu entgehen. So zumindest rief sie es eines Abends, da der Kummer um die Zukunft drohte ihr Herz zu zerreißen, den Fluten entgegen. Sie war allein an Deck, denn die Matrosen und selbst der Kapitän zogen es vor, an einem Tag der Dunkelheit, denn gerade in jener Nacht verbarg die Mondin ihr Antlitz vor der Welt, nicht den unsichtbaren Gefahren entgegen zu treten, die in der fernen Weite lauerten. Nur langsam verhallten des Mädchens Worte über den schwarzen Wellen, hing das Echo ihres Schmerzes einem riesigen Schatten gleich über dem unheimlichen Wasser. Dann plötzlich kräuselte sich die See, und unter ihren Augen tauchte ein Wesen empor, dessen Schönheit ihr im ersten Augenblick den Atem raubte. Seine Gesichtszüge glichen einem Menschen, doch waren sie feiner und gleichmäßiger als alles was sie bisher gesehen hatte. Weiß glitzerte und funkelte die Haut und als die junge Frau genauer hinsah, konnte sie kleine, glänzende Schuppen erspähen, die das Wesen rings umher bedeckten. Silbrig weißes Haar umrahmte das Antlitz und als es sprach war es, als hätten tausend helle Glöckchen zu spielen angehoben.
„Sag, Menschenmädchen... weshalb weinst und klagst du in dieser Nacht der Schönheit? Kein Laut des Verdrusses soll die sanfte Dunkelheit durchbrechen.“
Darob begann das Mädchen bitterlich zu weinen, denn die Stimme allein war ihr Trost und zugleich wie das Schwingen der Erinnerung an alle schmerzlichen Momente. Sie wiederholte all das, was ihr Herz beschwerte, berauschte sich am Klingen, das in der Luft lag und das Wesen zu umhüllen schien.
„Menschenmädchen, sage mir… willst du dich an deine Worte halten? Schwörst du, deinen Schatz dem Volk der See zu übergeben? Denn dann will ich dich bewahren vor allem, was dich jetzt voll Trauer niedersinken lässt.“
Ohne Zögern willigte das Mädchen ein, hätte diesem Wesen gar alles gegeben, was es verlangte, so sehr stand sie bereits in dessen Bann. Doch in jenem Augenblick, da das schicksalhafte Ja gefallen war, wandelte sich das Wesen, wurde größer und furchtbarer als alles was das Mädchen bisher gesehen hatte. Kein Glockenklang mehr lag in der Luft, nein, ein tiefes, unheilbringendes Pfeifen, gleich dem Wind, wenn ihn der Zorn in seinen Armen hält. Die Segel hoben sich unter der gewaltigen Kraft und die Wellen schlugen über die Reling bis an Deck, schwarz und riesig, ohne Aussicht auf Entkommen. Die furchtsamen Schreie der Matrosen, die nach oben rannten, wurden durch das monströse Rauschen des Meeres und kurz darauf von seinen todbringenden Wassern erstickt. Nicht lange dauerte es, da hatte die See das Schiff verschluckt, ohne dass eine Seele an Bord Rettung erfahren hätte.
Seitdem ruht der Schatz des Mädchens in den prachtvollen Sälen des Seevolks, verborgen für immer vor allen menschlichen Augen, gehütet selbst vor dem Strahlen des göttlichen Paares am himmlischen Firmament.

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