Die Aufzeichnungen Marwan Lautenstocks: Das Schattenvolk

Aus Auryen

Wechseln zu: Navigation, Suche

So viele Geschichten und Sagen ranken sich um jene, die sich selbst das „Schattenvolk“ nennen. Für jene rechtschaffenen Bürger, die das Leben in den Städten vorziehen, mag kaum begreiflich sein, wie ein Dasein am Rande all dessen, was man ehrbar nennen mag, aussehen kann. Und so will ich, Marwan Lautenstock, versuchen, das wenige Wissen, das ich darüber besitze, weiterzugeben.

Diebe, Räuber, Freibeuter und Halsabschneider gab es zu allen Zeiten, wenngleich sie auch oftmals nicht als solche erkennbar waren. Ihr Hass und ihre Missgunst richtete sich nicht nur gegen Unschuldige, nein oft auch gegen sich selbst. So kam es, dass die großen Städte des Imperialen Kaiserreiches von Banden und Gruppierungen bevölkert wurden, die ihre Zeit damit verbrachten, untereinander Krieg zu führen.

Indes, vor einigen Jahren, manche sprechen von dreißig, mache von hundert, brachte diese fehdereiche Zeit einen Mann hervor. Die Legenden, die über ihn geschrieben wurden, sind so vielseitig, wie die Meinung über diesen wahrhaft Einzigartigen. Einige sagen, er wäre ein großgewachsener, finsterer Mann gewesen, andere sprechen von ihm als schmächtig gebauten, spöttischen Menschen. Nur in einem sind sich alle einig: Er zog sie alle in seinen Bann. In Thale war es, da er zum ersten Mal in Erscheinung trat. Als Mitglied einer der kriegerischen Banden, scharte er sehr rasch eine Gruppe Getreuer um sich. Anders als jene, denen er zunächst noch unterstellt war, nannte er sie nicht Untergebene, sondern Freunde. Er begab sich in Gefahr, um sie zu schützen, und dasselbe taten auch sie. Es waren Mörder und Räuber, keine Frage, doch sie folgten den Regeln, die er ihnen auferlegte, schrieben sich selbst Moralempfinden zu und erkannten zum ersten Mal in ihrem Leben, was Ehrgefühl bedeutet.
Ohne viel Aufwand und Kampf brachte diese neue Art zu führen viele dazu, überzulaufen und jahrelang währende Fehden zu beenden, bis das verborgene Leben in den großen Städten fast ausschließlich von einem Mann beherrscht wurde. Man gab ihm den Namen Meister Schlangenhüter, und das war er wahrlich.
Zehn Jahre, sagt man, währte diese Zeit, bis das Unfassbare geschah. Er verschwand. Ohne Ankündigung, ohne Nachricht, ohne Hinweis. Nicht einmal seine nächsten Vertrauten wussten, was mit ihm geschehen war. Flüsternd, ängstlich gar, wehte das Gerücht durch die Städte, er sei getötet worden. Doch selbst diejenigen, die dies lautstark in das Reich der Märchen verwiesen, vermochten nicht, sein plötzliches Verschwinden zu erklären.

Es kam, was folgen musste.

Was jahrelang aufgebaut worden war, zerbrach innerhalb weniger Monate. Chaos brach aus und bar jeder Regeln lebten die Verborgenen dahin.
Doch noch immer gibt es einige, die den Kodex Schlangenhüters achten. Die diesem folgen, gleichgültig wie sich alles um sie herum verändert hatte. Die sich noch immer das Schattenvolk nennen, trotz des fahlen Beigeschmackes, den der Begriff inzwischen gewonnen hatte. Diebe, Beutelschneider, Spielmänner, ja auch Mörder, Räuber und Freibeuter, harmlose Tunichtgute und brutale Schläger… sie alle sind unter ihnen vertreten, und sie alle glauben daran, dass das Leben am Rand der städtischen Gesellschaften nur dadurch gesichert ist, wenn es Zusammenhalt unter ihnen gibt, auch wenn dieser unvollständig anmuten mag.

Persönliche Werkzeuge