Die Himmelsblumen
Aus Auryen
Einst, an einem Abend im Herbst, als die Blätter langsam von den Bäumen glitten und das Sonnenbanner einen goldenen Schimmer über Mondins Boden legte, betrat ein alter Wandersmann die Taverne zu den Weiden. Alt und zerzaust war er, fast selbst wie ein Baum anmutend mit seinem schweren grünen Mantel und dem knorrigen Eichenstab in seiner Hand. Gegerbt von Feuerrads Leuchten und des Himmelssegen der gütigen Mutter war sein Antlitz und die Runzeln waren so tief, dass es wie die dunkle Erde anmutete, aus der die herrlichsten Gaben sprießen. Von einer solchen Gabe war es auch, von der er zu berichten wusste. So höret denn, was mir an jenem Abend zugetragen, und lasset euch verzaubern von der Legende der Himmelsblumen.
In vorderer Zeit, da die Welt noch ungeordnet und die Menschen keinen Kaiser kannten, wandelte ein Mädchen, deren Schönheit den Kindern der Mondin gleichgestellt war. Alles was sie berührte, erblühte und trug fortan das Abbild ihrer Schönheit in sich. Wahrlich, von den Göttern gesegnet war sie. So geschah es, dass sie eines Tages an einen Berghang kam und dort zwei Blumen stehen sah, die so rein und licht waren, dass das Strahlen des Sonnenvaters ihnen gegenüber verblasste. Das Mädchen war entzückt und versank im Schauen der Herrlichkeit, die sich ihr bot. Und als sie einige Stunden gesessen hatte und sich erquickt hatte, sprach es zu sich: „Ich will diese Blumen berühren, auf dass alle Menschen, die sie je erschauen mögen, sich vor der Anmut der Schönheit beugen. Doch eine will ich behalten, um sie zu betrachten, wann immer mir danach ist.“
Und so wie sie es sich sagte, geschah es. Der Sonnenvater, der gütig auf das Mädchen herabsah, verbarg sich hinter einer vorbeiziehenden Wolke, als das Mädchen die Blume zum blühen brachte, so verlegen wurde er ob des Leuchtens, dass er selbst kaum zuwege brachte. Die andere Blume aber verbarg das Mädchen in den Falten ihres Gewandes und trug sie mit sich fort. Niemals verdorrte sie, stets war der Tau so frisch und klar, wie an jenem Tag als sie gebrochen ward.
So kam es, dass das Mädchen fröhlich dahinlebte, denn wann immer sich Traurigkeit in ihr Gemüt stehlen wollte, vertrieb sie sie einzig durch einen Blick auf ihre Blume. Und jedes Mal, da sie es tat, war das Lächeln in ihrem Gesicht tiefer, das Strahlen in ihren Augen heller. So war es nicht verwunderlich, dass ein junger Mann die Liebe erkannte, als er dem Mädchen zum ersten Male gewahr wurde. Und auch sie teilte sein Gefühl. Doch so wie die Götter Glück zu schenken bereit sind, so sind sie auch bereit, den Ausgleich zu erschaffen. Es traf das Mädchen hart, als ihr Liebster im Kriege, denn damals gab es vielerlei solche, in den göttlichen Saal einzog. Sie trauerte so sehr, dass ihr Herz von Dunkelheit überzogen wurde, und kein Lichtstrahl es mehr erhellen konnte. Und so zog sie in die tiefste Höhle, die sie zu finden vermochte, auf dass niemals wieder das Leuchten des Sonnenrades sie streifen und verhöhnen konnte. Dort betrachtete sie lange die Blume, bis sie bemerkte, dass die Zeit des Abschiedes gekommen war. Sie pflanzte sie in die schwarze Erde und fand ihre letzte Ruhe neben ihr, in der Finsternis, die ihre Seele gefangen hielt. Nicht einmal das Schattenlicht selbst konnte sich angesichts der verborgenen Schönheit Trost spenden, nicht einmal in der Schwärze, die ihr eigen Element ist.
Und so blühen die Blumen noch heute, weit entfernt voneinander, doch verbunden für die Ewigkeit, in ihrer Anmut und Schönheit.
