Die Nesselsuppe von Goryen
Aus Auryen
In Gording, tief im Süden des Kaiserreichs, dort wo der Angarion in das Sternentränenmeer fließt, findet sich das Städtchen der kleinen Leute, Goryen von Namen. Es ist ein beschaulicher Platz am Meer, der wenig Raum für Aufregungen und Abenteuer bietet. Einzig das Fest der tausend Zungen, oder "der Große Schmaus", wie es die Einheimischen liebevoll nennen, bringt alljährlich ein wenig Abwechslung in das Leben der Goryaner. Und so rankt sich auch die Geschichte, die nun erzählt werden soll, um diese Feier.
Vor vielen Jahren, weit vor der Zeit, als es den Sumpfbohnenfurz-Wettstreit und das Senfkuchen-Wettessen gab, traf man sich – wie es ja auch heute noch Brauch ist – am Abend des dritten Tages zur Preisverleihung des Großen Schmauses vor „Dem Umtrunk“, der größten Brauerei von Goryen, ja des Imperiums. Viel Volk hatte sich dort versammelt, einheimische und zugereiste Schaulustige, Gaukler und Spielleute, die alle den Ausgang des Wettbewerbe erfahren wollten. Es lag eine angenehme Spannung in der Luft, als die Preisrichter das eigens für diesen Anlass gezimmerte Podium betraten.
Keine Überraschung gab es, als zum achten Mal in Folge – nach kompliziertestem Regelwerk ermittelt – Hunke Ruckwinkel als Sieger des Gemüsevergleichs gekürt wurde. Beim Sanften Köcheln, einer dieser Tage leider aus der Mode gekommenen Disziplin, löste der Überraschungssieg von Tietje Zwockendreh ein erstauntes Raunen unter den Anwesenden aus. Doch die große Aufregung entstand erst – und darum soll es im nun folgenden Gehen – als die Kommission das Duell im Exquisiten Kochen, zwischen Broder Sandrock und Malin Fronessen für unentschieden erklärte.
Unentschieden? So etwas hatte es noch nie gegeben. Ein Unding. Ein Eklat. Ein Ergebnis, mit dem sich die Menge nicht zufrieden geben wollte. Laute Unmutsäußerungen schallten über den Platz, Pfiffe und Schmähungen tönten dem Podium entgegen und der ein oder andere nahm ein rohes Ei, eine Tomate oder was ihm sonst in die Finger kam, zur Hand. Ein Aufruhr lag in der Luft.
Geistesgegenwärtig erhob der Vorsitzende des Schiedsgerichts, Niff Nüssleberg, seine kurzen Ärmchen in die Luft und gebot mit seiner schrägen Stimme Ruhe. Er bot der Menge an, durch das Kochen eines einzelnen Gerichts, im Stechen eine Entscheidung zu finden. Es müsse nur noch festgelegt werden, was gekocht werden solle. Und dabei müsse es sich um etwas handeln, was keinen der beiden Finalisten bevorteile.
In das augenblicklich entstehende Gemurmel hallte ein lauter Ruf über den Platz. Später entstanden viele Gerüchte, wer derjenige gewesen war, der diesen Ruf getan hatte. Geklärt wurde dies jedoch nie und so kann auch ich nur festhalten, welche Worte es waren, die zunächst jener Einzelne und kurz darauf die ganze Menge rief: „Nesselsuppe, Goryaner Art !“
Der einzelne Ruf steckte alle anderen an und wie durch Hexerei skandierte das gesamte Publikum wenig später in rhythmischer Einheit: „NES-SEL-SUP-PE, GO-RY-A-NER ART !“ Wobei sie das Wort 'Nesselsuppe' nur halb so schnell wie 'Goryaner Art' riefen. Das ganze wurde unterstützt durch klatschen und klopfen, trampeln und trommeln und die Jury kam so nicht umhin, diesen Vorschlag anzunehmen, wissend, in welche sprichwörtlichen Nesseln sie sich mit dieser Entscheidung gesetzt hatte.
Nun mag nicht jedermann bekannt sein, was es mit der Goryanischen Nesselsuppe auf sich hat, ist diese doch eine regionale Köstlichkeit und wird nur sehr, sehr selten zubereitet. Auch den Grund hierfür werden wir in Kürze erfahren. Die gemeine Nessel ist wohl den allermeisten meiner Leser bekannt. Diese kniehohe Pflanze mit zackigem Blatt, die sich als Unkraut verschrien, als Heilpflanze beschworen, hier und dort und beinahe allerorts im Imperium findet – die Große Wüste einmal ausgenommen. Sie gilt als wenig schmackhaft und wird nur mit dem Zwecke der Gesundung widerwillig zu sich genommen. Allein um dieses Gewächs dreht es sich nicht, wenn man die Zutat der Goryanischen Nesselsuppe meint. Dabei handelt es sich vielmehr um das wohlschmeckende Blatt eines Baumes, den in ganz Gording jedes Kind kennt: Die Nesselweide.
Was hat es nun mit dieser Nesselweide auf sich? Die vollständige Geschichte des Baumes zu erzählen ist ein wohl unmögliches Unterfangen. Zu zahlreich sind die Mythen und Geschichten die sie umranken und der überwiegende Teil von ihnen kann wohl auch nicht als gesichert bezeichnet werden. Aber selbst diejenigen Erzählungen, die mit ihrer Herkunft zu tun haben und die nachweislich der Wahrheit entsprechen, sollen und müssen an anderer Stelle erzählt werden, da sie einer eigenen Geschichte würdig sind. Für meinen Leser möchte ich dieserorts daher nur in groben Zügen schildern, um welche Besonderheit es sich bei diesem Baum handelt.
Die Nesselweide ist ein überaus seltenes Gehölz. Nein, nicht nur überaus selten, sie ist einzigartig. Denn im ganzen Imperium ist nur ein einziges Exemplar bekannt und das steht in Gording, irgendwo am Rande des Zankatwaldes, jenem dichten Gehölz, das weite Teile der südlichsten Grafschaft begrünt. Nur wenige Wissen um den genauen Platz, doch soll jener Baum in Sichtweite des Meeres, gar nicht weit der Stadt Goryen zu finden sein.
Ihre Einzigartigkeit – die von bleibender Dauer zu sein scheint, denn zahlreiche Forscher, gnomischer und anderer Abstammung, haben im Laufe der Jahre bereits vergeblich versucht die Pflanze zu vermehren – ist jedoch nicht die alleinige Besonderheit dieses Gewächses. Mindestens ebenso erstaunlich sind ihre Blätter, die des Nachts leicht leuchten und nur wenn sie zu dieser Zeit gepflückt werden, genießbar sein sollen.
Doch klingt dies jetzt so einfach, als brauche man nur den zugegeben schwer zu findenden Ort im Wald zu entdecken und bei Nacht einige der Blätter von den Ästen zu reißen, um die besagte Suppe kochen zu können. Das ist allerdings ein Trugschluss. Weithin ist bekannt, dass der Baum nicht ohne weiteres eines seiner Blätter hergibt. Über die Art, wie er dies zu verhindern sucht, gibt es verschiedene Theorien. Ich kann dem werten Leser jedoch versichern, dass ich selbst die wahre Antwort darauf kenne und im weiteren auch davon berichten werde.
Niff Nüssleberg hatte kaum dem Vorschlag der Masse zugestimmt, da änderte sich auch schon der Gemütszustand von Broder Sandrock und Malin Fronessen. War bei beiden gleichermaßen die anfängliche Freude über den Sieg zunächst irritierter Verunsicherung gewichen, unterschied sie sich jetzt jedoch grundlegend voneinander. Broder, der aus Alberau stammte, war kreidebleich geworden. Er kannte das Rezept der berühmten Suppe, aber er wusste natürlich auch um all die Geschichten und Gerüchte, die man dem Baum nachsagte.
Malins Gesicht färbte sich hingegen rot vor Wut. Sie kam aus Freiemar und hatte weder von der Suppe, noch von dem Baum je gehört. Ihr Zorn wurde allein durch die Tatsache entfacht, dass der Wettbewerb nicht beendet war und sich ihr eine neue Aufgabe stellte, die ihre Rückkehr aus der Provinz in die strahlende Hauptstadt weiter verzögerte.
Ungeduldig wie sie war, zögerte Malin keine Sekunde, sondern schritt gleich zur Tat. Nachdem sie erfahren hatte, welche Zutat sie für das Kochen jener außergewöhnlichen Speise benötigte, bot sie lautstark jenem, der ihr zu einer solchen Nessel verhelfen würde, die stattliche Summe von 10.000 Goldstücken, was die Hälfte des Preisgeldes war, dass dem Sieger des Wettbewerbs winkte. Man kann sich den Aufruhr vorstellen, der durch ihre Worte entstand und es dauerte nicht lange, bis sie von einer Traube Menschen umringt war, die alle zeitgleich auf sie einredeten und ihr wohl die Kinder der Mondin vom Himmel versprachen. Allein es war niemandem möglich, dass Wort des anderen zu verstehen.
Broder stand ein wenig abseits, stierte verdrießlich vor sich hin und schien die Welt um ihn herum vergessen zu haben. Der spitze Stoß eines Ellbogens, der ihn am Oberarm traf und wenig später wohl einen blauen Fleck verursachte, ließ ihn aufschrecken und ohne nachzudenken, folgte er der Aufforderung eines älteren, aber noch kräftig wirkenden Mütterchens, das ihn mit einem Wink dazu aufforderte, ihr zu folgen. Die Alte war nicht allzu groß, trug einfache, robuste, in irdenen Farben gehaltene Kleidung und hielt in der Hand einen langen knorrigen Stock, den sie bei jedem zweiten Schritt auf die Erde stieß. Der Koch folgte ihr, ob des Trubels um Malin weitgehend unbemerkt, in eine Seitengasse, abseits des Podiums, wo sich die Fremde zu ihm wandte und mürrisch zu sprechen begann: „Brauchst nicht glauben, ich tue das aus reinster Nächstenliebe. Nein das tue ich wahrhaftig nicht. Will nur nicht, dass sie 's ganze Gehölz abreißen, und am Ende noch die Nessel dabei übersehen. Wir holen drei Blatt und kommen gleich und für immer zurück und der Spuk hat ein Ende. Gilt?“ Sie streckte ihm energisch die knorrige Hand hin und als er sie zögerlich ergriff, spürte er ihren erstaunlich festen Griff: „Gilt!“, brachte er unsicher hervor.
Das besiegelte Bündnis brachte für einen Wimpernschlag ein bitteres Lächeln auf die faltigen Lippen der Alten. Sacht nickend schritt sie dann los, ohne sich weiter nach ihm umzusehen und so blieb Broder nichts anderes übrig, als ihr zu folgen oder sie ziehen zu lassen. Er entschied sich für Ersteres.
Sie schien ihren Weg zu kennen, denn ohne zu zögern führte sie ihn zum Wald und nahm dort einen kleinen, für Fremde kaum zu erkennenden Pfad. Sie schritten in der Dunkelheit der angebrochenen Nacht unter hohen Bäumen und zwischen dichten Büschen und mehr als ein mal stolperte der Koch über eine Wurzel – von denen es in jedem Wald ja bekanntermaßen unzählige gibt – oder musste einem Zweig ausweichen, der quer über den Pfad ragte. Broder, der solche Märsche nicht gewohnt war, hatte bald sein Hemd aufgeknöpft. Sein kahler Schädel war rot gefärbt und dicke Schweißperlen liefen ihm über die Stirn.
Als sie tief in den Forst eingedrungen waren und es so dunkel wurde, dass man kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte, murmelte die Alte einige unverständliche Worte und – glaubt es oder lasst es beim Nöck bleiben – begann ihr Stecken ein schwaches Licht auszustrahlen. Zwar reichte das bei weitem nicht, um den verschiedenen natürlichen Hindernissen des Waldes auszuweichen, aber immerhin verlor der Koch die Fremde nun nicht aus den Augen.
Die Spur des Weges hatte sich längst im Dickicht verloren, doch das schien das Mütterchen nicht zu stören. Beständig setzte sie, ohne ein Wort zu verlieren oder eine Pause einzulegen, einen Fuß vor den anderen. Längst war Broder klar, dass er sich der Alten auf Gedeih und Verderben ausgeliefert hatte. Der Ärger über seine Sorglosigkeit nahm stetig in dem Maße zu, wie sein Mut und seine Zuversicht schwanden.
Just zu diesem Zeitpunkt schienen sich die Bäume zu lichten. Aus der Ferne glaubte der Koch ein Rauschen zu vernehmen, welches anders klang, als jenes, dass die Zweige und Äste des Waldes verursachen. Der starke Duft des Forstes schien sich mit einem anderen zu vermischen, den der Koch jedoch noch nicht recht zuordnen konnte – obwohl er im allgemeinen eine feine Nase hatte, was in seinem Beruf ja auch unabdingbar ist.
Die Alte hatte ihren Schritt merklich verlangsamt, schien sich verstohlen umzusehen und blieb schließlich vollends stehen. Nach dem sie dann einen Moment die Gegend geprüft hatte, deutete sie mit dem Stab voraus und raunte ihm in gedämpftem Ton zu: „'S Meer.“
Seine Augen folgten ihrem Wink und er versuchte in der Dunkelheit etwas auszumachen, was sich angesichts der Finsternis jedoch als ein sinnloses Unterfangen herausstellte. Immerhin konnte er jetzt den Ursprung des Rauschens und des seltsamen Geruches zuordnen und das beruhigte ihn ein wenig.
Als er wieder nach der Alten und dem Schein ihres Stabes Ausschau hielt, war sie bereits ein wenig weiter gegangen. Sie stand nun zu seiner Linken und als auch er selbst näher trat, bemerkte er die Lichtung, die den Blick auf die Sterne freigab. Mondins Kinder tauchten eine weite, mit Wiese bedeckte Fläche in silbernes Licht. Und inmitten dieses freien Platzes im Wald erhob sich ein riesiger, scheinbar uralter Baum, dessen Zweige beinahe bis auf den Erdboden hinab hingen und dessen dichtes Laub – ich schwöre es bei den Anisplätzchen meiner Tante Wanke – matt blau leuchtete und so den Blick auf seinen Stamm verbarg. Fragend sah Broder zu der Alten und die antwortete ihm, ohne sich in seine Richtung zu drehen, mit einem knappen Nicken.
Eine Weile verharrten die beiden, den zauberhaften Anblick genießend, still und starrend am Rande der Lichtung. Doch dann setzte sich der Koch in Bewegung und trat, von einem spöttischen Blick der Alten begleitet, auf den Baum zu, wohl in der Absicht einige der Blätter zu pflücken, um derentwillen er den langen Marsch getan hatte. Kaum war er jedoch einige Schritte auf die Lichtung hinaus getreten, da flammten jegliche Blätter des Baumes in lodernde Flammen auf und das blaue Feuer schlug Broder fauchend entgegen, sodass er Hals über Kopf zurück unter die nahen Bäume floh.
Das Mütterchen hob die Brauen, sah in den klaren Nachthimmel und bemerkte knapp:„War wohl nichts, was? Wenn du mir dann folgen würdest, ehe ich mit dir noch den Titel im Braten am offenen Feuer gewinne.“
Damit drehte sich die Alte um und trat zurück in den Wald. Eine Weile ging sie am Rand der Lichtung entlang und Broder, der ihr natürlich folgte, warf immer wieder ungläubige Blicke zur Nesselweide hinüber. Die Blätter hatten sich wieder beruhigt und leuchteten nun wieder sanft in ihrem matten blau.
Nach einigen Minuten, hielt die Alte erneut inne, wandte sich zurück dem Wald zu, stapfte einige Meter durchs Dickicht, ehe sie an einem alten Baumstumpf stehen blieb.
„Dreh' dich um!“, forderte sie ihn unwirsch auf und er kam diesem Befehl umgehend nach, hatte er doch für sich entschieden, dass es wohl besser war ihren Anweisungen zu folgen. Er hörte ein Knacken und Murmeln hinter seinem Rücken und wenig später ein rauschendes Geräusch. „Geh'n wir!“, ertönte es barsch und als er sich der Fremden wieder zuwandte, sah er sie gerade in einer Öffnung im Erdboden verschwinden, die sich eben da befand, wo gerade noch der Baumstumpf gewesen war.
Ein niedriger Stollen, gestützt von grob behauenen Balken, führte gut fünf bis zehn Fuß unter der Erde in die Finsternis. Auch hier ermöglichte nur der matte Schein des Steckens das halbwegs sichere Vorwärtskommen. Doch Broder war es recht mulmig zumute, so tief im Innern der Welt. Der Gang war jedoch nicht allzu lang und schon bald kamen sie an sein Ende. Eine Strickleiter führte nach oben, die das Mütterchen behände erkletterte, während der Koch seine liebe Mühe hatte, nach oben zu kommen. Der Anblick der sich dort jedoch bot, entschädigte all die Strapazen des zurückliegenden Marsches mehr als genug.
Ich weiß, es klingt absonderlich, fantastisch, ja unglaubwürdig, aber rings um sie herum war ein blau leuchtendes Blätterdach, das genug Licht absonderte, um zu sehen, dass man sich genau unter der Nesselweide befand. Ihre Zweige bewegten sich im Wind leicht hin und her und es klang, als würden sie den Besuchern sanfte Worte zuwispern. Broder war völlig von diesem Eindruck gefangen und wagte sich nicht einen Finger breit zu bewegen.
Die Alte hingegen hielt sich nicht lange auf und stapfte auf einen der Zweige zu. Als sie die Hand nach den Blättern ausstreckte, entfuhr dem Koch ein Schrei. Panik war auf seinen Augen zu sehen und er war auf dem besten Wege in das Loch zurück zu springen. Stirnrunzelnd drehte sich das Mütterchen nach ihm um, verzog den Mund leicht und schüttelte den Kopf. Ein leises „Tze!“, entfuhr ihren Lippen und sie pflückte drei beinahe ebenmäßige Blätter. Nichts geschah.
Die Alte steckte Broder die Blätter zu und wandte sich dann wieder gen Strickleiter, die sie ebenso gekonnt wieder hinab stieg, wie sie vorher hinauf gekommen war. Der Koch hingegen, nun vollends verwirrt, wäre beim Abstieg um ein Haar in die Tiefe gestürzt, konnte sich im letzten Moment jedoch noch mit seiner speckigen Hand festhalten.
Wie nach dem Genuss allzu vieler Riesenrötlinge stapfte er der Alten hinterher und bekam weder mit, wie sie den geheimen Zugang zum unterirdischen Stollen verschloss, noch die grobe Richtung des langen Rückwegs, bei dem ihm mehr als ein Zweig das Gesicht zerkratzte und die Wurzeln das Schuhwerk vollends zerschlissen. Der Morgen dämmerte bereits, als sie die Stadt erreichten.
Am Waldrand blieb die Alte stehen, wartete bis er zu ihr aufgeschlossen hatte und packte ihn dann mit festem Griff am Arm. Eindringlich und keine Spur freundlich raunte sie ihm zu: „Ich hab' getan was ich konnte, Koch. Jetzt bist du an der Reihe. Beeile dich mit der Suppe. Und wenn du fertig bist, lass sie „das Horn des Südens“ blasen. Ich will das die anderen so schnell wie möglich aus dem Wald verschwinden. Sie richten dort nur Schaden an.“
Mit einer harschen Geste machte sie ihm Zeichen zu verschwinden und Broder fand kaum die Zeit ihr dankbar zuzunicken, denn sie hatte sich umgehend in den dichten Wald entfernt. Kaum war er in die Stadt gestolpert, umringten ihn auch schon die ersten Kinder, die ihn lärmend zum Podium begleiteten. Auf dem Weg dorthin schlossen sich immer mehr Menschen an. Zwar hatte nicht die ganze Stadt ausgeharrt, bis einer der Kontrahenten zurückkehrte, aber das Duell hatte sich doch herumgesprochen und so kam jetzt alles wieder auf die Beine, um den Ausgang des Wettstreits mit zu erleben.
Der Platz vor dem Podium hatte sich schnell bis zum Bersten gefüllt. Es waren weit mehr Zuschauer als am Abend zuvor. Oben auf den hölzernen Planken waren zwei Feuerstellen errichtet und die Kochutensilien der beiden Finalisten bereitgelegt worden. Mühsam erklomm Broder die Stufen der Bühne, nahm dann seinen Platz ein und begann, immer noch verwirrt, die gewünschte Mahlzeit zuzubereiten. Mühsam kramte er das Rezept aus seinem Gedächtnis und so dauerte es eine Weile, ehe er die wichtigste Zutat hervorholte. Ein Raunen ging durch die Menge. Jedweder reckte den Hals um einen Blick auf die noch immer schwach leuchtenden Blätter des Nesselbaumes zu werfen, doch die waren schneller in einem dampfenden Kessel verschwunden, als den meisten lieb war. Wenig später jedoch zog ein feiner Duft über die Köpfe der Menschen hinweg, der so unwiderstehlich schmackhaft war, wie man es sich kaum vorstellen kann. Und gleich darauf, als die Menge genug geschnuppert hatte, um die Großartigkeit dieses Gerichts zu erkennen, erhoben sich Beifallsrufe und Applaus und so wurde der Sieger im Exquisiten Kochen von der Menge gekürt ohne das es ein Zutun der Jury benötigt hätte.
Wenig später hallte „das Horn des Südens“ durch die Grafschaft, denn der Herold hatte auf Wunsch Broders und auf Geheiß Nüsslebergs den Wettbewerb durch dieses Signal beeendet.
So wurde Broder Sandrock zu einem, wenn nicht dem berühmtesten Sieger beim Großen Schmaus. Irgendwo in den Zankatwäldern stand zu jener Zeit wohl eine alte Frau mit einem zähneknirschenden Lächeln. Malin Fronessen muss jedoch das Lachen gehörig vergangen sein, denn sie ward weder in Gording noch in der Hauptstadt des Imperiums je wieder gesehen.
Aufgezeichnet von Odilo Güldenring
