Legendensucher

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Legendensucher

Man sagt, im Meer liegen viele Gefahren verborgen und wohl ebenso viele Geheimnisse.
Man sagt, die Wellen singen das Lied der Freiheit und die Gischt tanzt ihren immerwährenden Reigen auf dem unbeständigen Parkett der Winde.
Man sagt…

So viele Geschichten lauern in der Weite des unendlichen Blaus, darauf harrend an Land gespült zu werden, auf das der Wind und nicht das Wasser sie weiter trüge. Dies ist eine von ihnen. Zugegebenermaßen nicht die eindrucksvollste, oder die mystischste, doch wert erzählt zu werden, als Mahnmal für all jene, die sich verlieren im unergründlichen Lied der See.
Sie handelt von einem Manne, der einst auszog, das Glück, das ihm an Land verwehrt geblieben war, am Horizont zu suchen, weit draußen, dort wo das Blau des Himmels und des Meeres sich vereint. Er war jung und tollkühn und nichts vermochte ihn zu schrecken. Wie alle Menschen, denen die Weisheit des Alters noch nicht anhaftet, war er davon überzeugt, jede Gefahr meistern zu können, und stets bereit dem Tod in das abschreckende Gesicht zu lachen. So war es nicht verwunderlich das er jeder Sage, die ihm je über seine neue Heimat, das Meer, zu Ohren kam, folgte, um ihr Geheimnis zu ergründen. Es dauerte nicht lange, und sein Ruf drang über das Wasser bis an das Land, und sein Name ward fortan „Der Legendensucher“. Doch war es nicht Anerkennung, die diesem Namen angehaftet wurde, nein, vor allem war es Schrecken und der Wunsch, ihm selbst nie zu begegnen, denn er überfiel andere Schiffe, um seine Streifzüge durch die weite Landschaft des Ozeans bestreiten zu können. Doch ist es nicht ein ungeschriebenes Gesetz, das das Schicksal sich nicht herausfordern lässt und zurückzahlt was ihm abgetrotzt wurde? Auch Der Legendensucher musste dies erfahren. Er hörte von einer Insel in den wässrigen Weiten, einer Insel, auf der kein Leben erblühen konnte, und die alles Leben zerstören würde, dass sich ihr nähert. Doch Der Legendensucher lachte nur, denn zu viele Geschichten schon hatte er als Humbug entlarvt und er glaubte nicht mehr an böse Mächte. Seine Vermutung war, das jemand dort einen Schatz versteckt hatte, und Suchende mit einer abschreckenden Mär abhalten wollte. Seine Mannschaft, die ihm durch alle Stürme folgte, tat es auch dieses Mal, als er lossegelte um das von ihm erwartete Gold zu finden.
Man erzählt sich, die Insel, die er schließlich entdeckte, war kalt und öde und nicht ein Baum oder Strauch wuchs auf ihr. Selbst die Möwen scheuten sich einen Fuß auf sie zu setzen und flogen mit großem Abstand um sie herum. Doch nicht Der Legendensucher. Er wies seine Mannschaft an, zu graben, um den eingebildeten Schatz freizulegen, der ihn hergeführt hatte. Doch nicht Gold war es, das letztlich ihr Lohn sein sollte.
Nachdem sie den ganzen Tag gegraben hatten, und die Mondin ihren Platz im göttlichen Saal einnahm, offenbarte die Insel ihren wahren Schrecken. Sie war die Heimat all jener, die den Tod auf dem Meer gefunden hatten, und ein trauriger Verdienst Des Legendensuchers war es, für viele davon die Verantwortung zu tragen. Starr vor Angst waren sie allesamt, alle, die sich noch eines Lebens rühmen konnten. Und so, ohne die Möglichkeit zur Flucht, musste sie annehmen was das Schicksal ihnen bereitgelegt hatte: Ein Dasein auf dem Wasser, plündernd und mordend bis in alle Ewigkeit weiterziehend, ohne Aussicht auf Vergebung, ohne Aussicht auf Veränderung, ohne den Trost des erlösenden Todes.
Und wahrlich, bis heute zieht Der Legendensucher über die See, und niemals hat er auch nur ein Schiff verschont, dem er auf seinem Kurs begegnete.

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