Mateusz
Aus Auryen
Das Musik zu allen Zeiten schon eine magische Wirkung hatte, ist weithin bekannt und kann durch viele Beispiele belegt werden. Da wären die Sirenen zu nennen, die mit ihrem betörenden Gesang die Seeleute gen Küste locken, um sich dort an ihren zerschellenden Schiffen zu ergötzen. Da sind die Waldgeister, deren Weiches windgleiches Wispern die Wanderer vom Weg abbringt und in die Tiefen des Forst lockt, durch den sie irren, bis sie eins sind, mit dem dunklen, feuchten Waldboden. Und dann sind da die Echo-Trolle, die den Reisenden im Gebirge das Leben schwer machen und die in ihren Verstecken nur darauf lauern, ein Opfer in die Tiefe stürzen zu sehen. So gibt es noch viele Beispiele, aber nur von einem weiteren, ja besonderen, soll hier berichtet werden.
Unsere Geschichte trug sich zur Zeit Kaiser Zambard, auch "der Listige" genannt, also vor rund 350 Jahren, in der Gegend um Thale zu. In den kleinen Dörfern um die große Stadt war mit einem Male die Kunde von einem Spielmann zu hören, der von einem Ort zum nächsten zöge und dessen Spiel atemberaubend sei. Nur wenig später kannte man landauf, landab auch seinen Namen: Mateusz, der Teufelsgeiger wurde er genannt.
Die müden Tavernen der Gegend füllte Mateusz regelmäßig. Wo der Barde auftauchte, wurden tolle Feste in ausgelassener, ja oft übermütiger Stimmung gefeiert. Bier und Wein flossen in Strömen. Schon Tage vor seiner Ankunft und Wochen danach sprach man von nichts anderem. Nie, so wurde getuschelt, hatte man das Spiel der Geige so vernommen, wie von ihm. Frohe Kunde also für die Schankwirte, denen der Musikus volle Kassen bescherte.
Doch mit einem Mal kippte die Stimmung im Volk. Man sprach von Zank und Ärger, Schlägerein sogar. Doch das war erst der Anfang. Gerüchte über Plünderungen tauchten auf, von Morden war die Rede. Mateusz fiel so steil in der Gunst, wie er gestiegen war. Doch was war wirklich geschehen?
Mit dem wachsenden Erfolg waren die Gewinne der Tavernenbesitzer in schwindelerregende Höhen geschossen. Dem Spielmann war das nicht verborgen geblieben und er verlangte seine Gage dementsprechend anzuheben. Doch ein Wirt wollte ihm das verwehren, den Gewinn für sich behalten, sodass er ihn auf die großzügigen Spenden des Publikums verwies. Mateusz Antwort war die Musik.
Der Spielmann griff zur Geige und begann sein Spiel. Ein neues Lied. Ein Lied wie man es nie zuvor gehört hatte. In Windeseile nahm er das Publikum gefangen, trug sie hinweg mit ihren Gedanken, sodass sie in kurzer Zeit die Tische und Bänke bestiegen, dn Takt mit Händen und Füßen begleiteten und zu tanzen begannen. Eine Weile blieb es bei der ausgelassenen Stimmung, ehe der Spielmann dann das Tempo anzog. Der Tanz wurde wilder, einer stieß den anderen dabei an, der Gestoßene packte den Übeltäter beim Kragen und von jetzt auf gleich war die Saalschlacht im Gange.
Nach kurzer Zeit glich der Schankraum einem Schlachtfeld und mittendrin strich der 'Tefelsgeiger' seinen Bogen über die Saiten und heizte der Meute so lange ein, bis Funken vom Herdfeuer ins Stroh gedeckte Dach stoben und das Gebäude zu Brennen begann. Da stieg Mateusz mit aller Ruhe über die Trümmer, verließ das Haus und ward nicht mehr gesehen.
Es folgte eine trostlose Zeit für die Tavernen. Spielleute wurden mit dem Stock aus dem Haus gejagt und selbst summende alte Mütterchen wurden böse angesehen. Die Kundschaft saß lustlos und traurig stundenlang vor einem einzigen Humpen, aus dem Meer Flüssigkeit verdampfte, als getrunken wurde. So hatten die Wirte Schwierigkeiten, ihr tägliches Brot zu verdienen. Erst Monate später waren wieder die ersten zaghaften Klänge zwischen Theke und Schanktür zu hören. Ab und an begann jemand über Mateusz sagenhafte Künste zu erzählen, doch die umsitzenden funkelten ihn böse an, legten den zeigefinger auf die Lippen und blickten sich dann verstohlen um, ob nicht jemand mitbekommen hätte, wovon geredet worden war.
Es kamen neue Barden und neue Lieder. Es kamen Sänger von Ruhm und mit hoher Kunst. Aber nie mehr wieder hörte man Klänge wie von 'Mateusz dem Teufelsgeiger'.
