Miandarea Grauspindel
Aus Auryen
Account: Viechi
"Ich bin nicht verrückt. Man hört mir einfach nur nicht richtig zu."
Aussehen
- Größe: 157 Fingerbreit
- hellbraune Augen
- schwarzes, langes Haar
- Geboren: am 13. Tylar 598 dIK
- Spitznamen: Mia, Mi
Beschreibung
Miandarea ist von ihrer ganzen Art her seltsam. Sie spricht für gewöhnlich wenig und ist sehr zurückhaltend. Bei Fremden hält sie drei Schritte Abstand. Manches Mal schweifen ihre Gedanken während eines Gespräches ab, so dass es ihr nicht mehr möglich ist, dem Thema zu folgen oder sich an der Konversation zu beteiligen. Sie liebt Geschichten und Lieder, überhaupt hat sie eine Schwäche für Bücher. Sie hat eine umfassende und für ein junges Mädchen aus gutem Haus sicher an manchen Stellen unübliche Ausbildung erhalten, und auch wenn sie nicht viel über die Welt weiß (woraus mitunter seltsame Fragen entstehen können), hat sie doch eine rasche Auffassungsgabe.
Befindet sie sich jedoch einmal in vertrauter Umgebung, kann sie aus sich herausgehen und entwickelt einiges an Witz und Schlagfertigkeit, da es nicht Schüchternheit ist, die sie zurückhält (tatsächlich besitzt sie ein recht großes Selbstbewusstsein), sondern die natürliche Zurückhaltung, die ihr aufgrund ihres Standes beigebracht worden ist.
Das Wort ihrer Eltern und ihres Onkels geht ihr über alles, und stets versucht sie, deren gute Ratschläge und Regeln zu befolgen. Aus Trotz, der sich bei ihr ab und an bemerkbar macht, ist sie jedoch auch zu rebellischen Taten fähig, wobei die Moralvorstellungen der Welt für sie in den Hintergrund rücken.
Charaktergeschichte
Schwarz erstreckte sich der Nachthimmel über die Welt, denn es ward die Zeit, da die Mondin ihr Antlitz verbarg und nur einige Sterne ihr sanftes Licht verbreiteten. Leise wehten die Vorhänge im Windhauch, der durch das offene Fenster in das Zimmer drang. Ein junges Mädchen ruhte liegend auf ihrer Schlafstatt, doch anstatt das Träume sie umfingen, lagen ihre Augen wach auf dem dunkelgrünen Samt, der sich über die Pfosten ihres Bettes spannte. Aufmerksam lauschte sie. Sie war sich sicher, etwas gehört zu haben, etwas, das von den üblichen Geräuschen abwich. Ihre Unruhe wuchs, als das Schnarchen, das stets aus dem Nebenzimmer zu ihr hinüber drang, verstummte.
Leise schlug sie die kostbare Decke zur Seite und erhob sich. Ohne in die Schuhe zu schlüpfen, trat sie vorsichtig mit nackten Füßen über die dicken Teppiche, darauf bedacht, ihre Schritte zu dämpfen, wie sie es als Kind getan hatte, wenn sie einen ihrer Onkel ärgern wollte. Auf diese Weise kam sie der Tür, die in den breiten, gemütlichen Flur führte, immer näher. Stille herrschte nun. Doch es war eine drückende, fast beabsichtige. Wie das Ahnen, das ein wachsames Schweigen um sie herum herrschte. Leicht zitternd streckte sie die Finger nach dem Türknauf aus, doch bevor sie ihn berühren konnte, öffnete sich ein Spalt und eine schlanke Gestalt glitt in den Raum. Erschrocken wich das Mädchen zurück.
„Mutter.. was…“ begann sie, doch wurde unterbrochen, als sich eine Hand auf ihren Mund legte. Kurz darauf wurde sie fortgezogen, hin zum wuchtigen Schrank, der die Wand zierte. Leise wurde er geöffnet und schon sah sie sich in seinem dunklen Inneren wieder. Selten hatte sie ihre Mutter so gesehen, wachsam war sie, ernst, obgleich doch sonst meist ein Lächeln auf ihren Lippen lag. Sie begriff, dass etwas geschehen sein musste, dass etwas geschah, und suchte nach dem verborgenen Mechanismus an der hölzernen Hinterwand, der einen kleinen Durchschlupf öffnete, zum Keller hinab. Oft hatte sie sich als Kind dort versteckt, sich gefreut, einen eigenen geheimen Gang zu besitzen, doch niemals war ihr der Gedanke gekommen, das sie sich wahrlich einmal dort zurückziehen müsste, um einer Gefahr zu entgehen. Die leise Angst, die kriechend ihre kühlen Hände nach ihrem Herz ausstreckte ließ ihre Bewegungen langsam werden. Nur die Gesellschaft ihrer Mutter war es, die sie ein wenig beruhigte. Sie wollte Fragen stellen, doch kein Laut kam über ihre Lippen, selbst dann nicht, als sie bereits im Kellergewölbe angekommen waren. Eine Kerze lag dort und sie suchte zitternd nach dem Zündzeug, um sie zu entfachen, doch wieder wurde sie abgehalten, indem eine Hand die ihrige umschloss. „Nicht.“ Kam es wispernd aus der Richtung ihrer Mutter, die eindringlich lauschend die Treppen hinaufsah, die sie herab gekommen waren. Fest umschlossen ihre Finger einen Dolch, den ihre Tochter nun erst bemerkte. Hätten sie nicht bereits alle anderen Anzeichen aufgeschreckt, so wäre es sicherlich dieser Anblick gewesen, der so überaus ungewohnt war.
Einige angespannte Augenblicke verstrichen, die ihr wie eine kleine Ewigkeit vorkamen. Sie versuchte, ihre Atemzüge soweit zu drosseln, wie es ihr möglich war, um nicht unnötig laut zu sein. Die Stille war nun so dicht, dass sie fast greifbar wurde. Selbst der Wassertropfen, der sich von der steinigen Decke löste und mit leisem Platschen auf dem Boden ankam, mutete an wie der erste Donner der die Ruhe vor dem Sturm durchbricht. Das Mädchen schrak zusammen und wandte sich in die Richtung des Geräusches, da öffnete sich die kleine Türe über der Treppe. Sie sah im Augenwinkel, wie ihre Mutter in einer raschen Bewegung zurückwich.
Ihre Furcht wuchs, als sie der dunkel gekleideten Gestalt gewahr wurde, die leise auf die Stufen trat und sich suchend umsah. Sie wollte aufschreien, fortlaufen, und blieb dennoch vor Angst gelähmt stehen. Da durchbrach ein leise aufschlagender Klang die finstere Lautlosigkeit.
Und dann, ganz langsam, konnte sie beobachten wie der Mann zusammensank.
Wieder lag sie in ihrem Bett, das eigentlich viel zu groß und prunkvoll war und ihre kleine Gestalt fast gänzlich untergehen ließ. Auch dieses Mal wollte der Schlaf nicht kommen. Zu deutlich standen ihr noch die Bilder vor Augen, die so vollkommen von allem abwichen, das ihr bekannt und alltäglich gewesen war. Grausam war der Anblick des toten Mannes am Fuße der Treppe gewesen, aus dessen Brust der Dolch ragte, dessen letzte Atemzüge die drückende Stille, die geherrscht hatte, durchbrachen. Ein Geräusch, das sie bis heute nicht aus ihren Ohren zu bannen imstande war. Heftig schüttelte sie das Haupt, so dass die langen schwarzen Haarsträhnen über die weichen Kissen glitten. Ihre Kehle fühlte sich heiser an, trotz dass die Ereignisse nun schon einen Mondinumlauf zurücklagen, trotz dass ihr Schrei schon längst verklungen war. Jener Schrei, den sie ausgestoßen hatte, als sie den restlichen Einbrechern gewahr wurde, keine zwanzig Schritte von ihrem Zimmer entfernt, neben dem großen Kamin.
Keiner hatte die törichte Tat überlebt.
Keiner blieb verschont, als ihr Onkel - ihr gütiger und freundlicher Onkel! - einer Leiche nach der anderen die Kehle durchschnitt, um sicher zu stellen, dass sie ihr irdisches Leben tatsächlich hinter sich gelassen hatten. Sie presste beide Hände auf ihre Lippen, um die ersten Strahlen des Sonnenbanners nicht mit dem Ausdruck ihres Entsetzens zu begrüßen.
Einige Stunden später stand sie blass und übernächtigt im Arbeitszimmer ihres Vaters. Sie hörte kaum seine schonenden, erklärenden Worte, nicht auf die tröstenden Klänge ihrer Mutter.
Sie musste fort…
„Eine Insel, westlich gelegen. Auryen ist der Name, der ihr gegeben ward. Sie bietet vielerlei Möglichkeiten, mein Stern.“
Sie schüttelte widerwillig den Kopf. Sie begriff es nicht.
„Mondins Strahlen wandern über diese Welt, Nacht für Nacht, und niemand kann dies aufhalten, mein Kind. Wir werden nicht jünger, und eines Tages musst du lernen, dein Leben zu meistern, ohne uns…“
Den Rest vernahm sie nicht mehr, so rasch hatte sie sich umgewandt. Mit einem lauten Knall flog die Tür hinter ihr ins Schloss, und sie rannte die Treppe hinauf, bis sie in ihrem Zimmer angekommen war.
Dort warf sie sich weinend auf ihr Bett und es war ihr, als hätte ihr alles, was ihr lieb und vertraut war, den Rücken zugewandt…
Es war in den darauf folgenden Tagen, da sie zu ihrem für sie üblichen stillen Wesen zurückfand. Zu still vielleicht, für jene, die sie kannten und liebten, doch war es der Tribut, den sie bezahlen mussten, da sie beschlossen hatten, sie fortzuschicken. Dass es vernünftig war und berechtigt, konnte sie sich nicht eingestehen, obgleich die Vernunft es ihr stets versuchte deutlich zu machen. Sie wusste, dass sie nicht auf ewig in ihrem Elternhaus verweilen konnte, dass sie hinaus ziehen musste in die Welt, um ihren eigenen Platz darin zu finden. Dennoch, sie zählte erst 18 Winter, weshalb musste es so früh sein? Weshalb gerade jetzt?
Sie seufzte tief und versuchte ihre Aufmerksamkeit von den düsteren Gedanken auf die rege Betriebsamkeit um sich herum zu lenken.
Die alte Schneiderin, die Tante, die Mutter…
Ihre Mutter, die sich darin flüchtete, ihr alles, was sie für die lange Reise benötigte, zusammenzustellen, deren Hände nicht still lagen, die jeden Lidschlag nutzte, um etwas Neues, Schönes, Nützliches heran zu schaffen. Es hätte ein Lächeln auf die Lippen des Mädchens legen können, wäre ihre Stimmung nicht derartig traurig gewesen.
Als die Tante, die Schneiderin und die Unmengen an Stoffen das Zimmer verlassen hatten ließ das Mädchen den Kopf hängen. Sie spürte, wie die Arme der Mutter sie umfingen und kämpfte damit, die Tränen zurück zu halten.
„Wir haben noch etwas für dich…“
Eine kleine Schatulle, hölzern, mit eingeschnitzten Verzierungen wurde in ihr Blickfeld gehoben.
„Verwahre es gut, und lasse niemanden einen Blick darauf werfen. Es ist… ein Geheimnis.“
Langsam klappten die schlanken Hände des Mädchens den Deckel nach hinten und betrachtend legten sich ihre Augen auf den Inhalt. Sie drehte das Holz ein wenig, so dass der Gegenstand, der dort auf dunklem Samt ruhte, im sachten Kerzenlicht schimmerte und glänzte.
Irgendetwas war seltsam…
Ihre hellen, braunen Augen weiteten sich ein wenig. Einem sanften Windhauch gleich streifte sie etwas, das sie verloren glaubte. Eine Erinnerung, an Zeiten, die längst aus ihrem Gedächtnis entschwunden waren. Doch waren es keine Bilder, es waren Gefühle, die bereits so lange verflogen waren, dass sie gleichsam neu und ergreifend erschienen.
Verwirrung erfasste sie, während sie die Augen nicht von der Schönheit abwenden konnte, die vor ihr ruhte, die sie erfasst hatte und ihre Finger zittern ließ.
Mit einem leisen Klappen schloss sich der Deckel der Schatulle und die Hand ihrer Mutter verweilte ruhend auf ihm. Sanft, doch auch seltsam fern schwang ihre Stimme an das Ohr des Mädchens.
„Vergiss niemals, meine Tochter. Wachende Hände liegen über dir.“
Noch nie zuvor hatte sie das Meer gesehen.
Blau schimmernd erstreckte es sich gewaltig vor ihren Augen, und ließ die doch so große Stadt plötzlich klein erscheinen. Die unzähligen weißen Segel am Horizont ließen auf das rege Treiben schließen, dass man an jenem Ort erwarten konnte und fast beschlich sie ein wenig Angst angesichts der Fülle und dem Lärm, der um sie herum herrschte. Ein wenig eingeschüchtert saß sie in der Kutsche, die ihre Eltern, ihren Onkel und sie durch die Straßen führte, und sie wagte es nicht, sich zu weit hinauszulehnen, obgleich sie aufgrund der neuen Eindrücke eine gewisse Neugierde nicht verheimlichen konnte.
Es hätte alles so eindrucksvoll, so erfreulich sein können. Sie war mit ihren Eltern noch nie zuvor so weit gereist. Hatte ihre Heimatstadt kaum jemals verlassen, und wenn, sich höchstens einen Tagesumlauf weit von ihr entfernt. Wie schön wäre es, nur einige Tage hier zu verweilen und zurückkehren zu können, dorthin wo sie sich sicher fühlte, wo sie aufgewachsen und ihr Herz zuhause war. Doch sie wusste, dies würde nicht geschehen. Sie war hier, um mit einem der Handelsschiffe weit über das Meer zu fahren, hin zu einer Insel, von der sie nicht viel mehr als den Namen wusste.
War es ein Trost, dass die Mienen ihrer Eltern von Trauer erfüllt waren? Je näher sie dem Hafen kamen, je mehr Menschen über die engen Gassen hasteten, desto finsterer schien alles um sie herum zu werden. Fest umklammerte ihre Hand den kleinen Beutel, der ihre ganz persönlichen Habseligkeiten trug, und in dem auch das Geschenk ruhte, das ihr gegeben wurde.
Als sie schließlich aus der Kutsche stieg, hingen ihre Augen erschrocken und zugleich fasziniert auf dem riesigen Schiff und wanderten den Hauptmast hinauf, der in den Himmel ragte, fast als wolle er die Heimstatt der Götter berühren. Ein rauer, stämmiger Mann wechselte einige Worte mit ihrem Vater, während ihr Gepäck bereits den Weg über die Planke antrat. Ihr Onkel wuselte zwischen all den großen Menschen hin und her, ein Grinsen auf seinem runzligen Gesicht, das seine Vorfreude deutlich machte. Es verflog nur für kurze Zeit, als einige ernste Worte sein Ohr trafen und ihm ein letzter Beutel Goldmünzen übergeben wurde. Kurz darauf wendete sich der Vater dem Mädchen zu.
„Mein Stern…“ begann er, doch es hatte den Anschein als wüsste er nicht sogleich wie er weitersprechen sollte, schien doch die Traurigkeit, die die ganze Gesellschaft auf dem Weg an die Küste befallen hatte, nun stärker hervor zu treten.
„Höre stets auf das, was dein Verstand zu dir spricht. Handle niemals übereilt.“ Er wurde ein wenig leiser. „Doch bedenke auch, dass in manchen Dingen dein Herz es ist, dass die Wahrheit in sich trägt.“
Er räusperte sich und ergriff das Paket, das er seit einiger Zeit in Händen hielt, um es ihr nach einigem Zögern hinzustrecken. „Nimm dies, auf dass du nicht vergisst.“
Sie griff danach und strich kurz darüber, bevor sie an einer Ecke den Stoff zurückschlug. Sie hielt für einen Moment den Atem an und schluckte, auch um die Tränen zurück zu halten, die erneut aufzusteigen drohten. Keine Worte fand sie, um ihm zu danken, und so folgte sie seinem Rat. Fest legten sich ihre Arme um seinen Hals, denn obwohl sie traurig, gar ein wenig verletzt darüber war, dass sie fortgeschickt wurde, spürte sie, dass ihren Eltern der Abschied ebenso schwer fiel wie ihr selbst.
„Meine Tochter…“ schwang die Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr, und kurz darauf spürte sie ihre Umarmung. „Hüte stets Geheimnisse. Und... schreibe uns.“
Später, als sie neben ihrem Onkel an der Reling des Schiffes stand, presste sie ihren Beutel und das Abschiedsgeschenk ihres Vaters fest an sich. Der Wind, der die Segel aufblies und begann, sie fort zu tragen von den immer kleiner werdenden, winkenden Menschen, trug die Tränen auf ihren Wangen glitzernden Perlen gleich durch die Luft, bis sie verloren gingen, in der schäumenden Gischt, in der Weite des Sternentränenmeeres.
Es war grauenhaft. Das Schaukeln der Wellen, die laute Betriebsamkeit, die vielen Menschen. Sie fühlte sich in höchstem Maße unwohl, und kämpfte mit der Übelkeit, die so üblich war für jene, die zum ersten Male über die See reisen.
Der einzige Ort auf dem großen, bauchigen Schiff, der ihr sicher erschien, war tief unter Deck, im Frachtraum, eine dunkle Ecke zwischen den sich auftürmenden Kisten. Dort saß sie häufig und lange während der Fahrt über Meer, die oftmals erschallenden suchenden Rufe ihres Onkels überhörend. Sie versank lieber in Erinnerungen an ihr Zuhause, das sie so ungerne verließ, obgleich doch so viele andere Mitreisende ihre Freude über die Ungewissheit im Westen nicht verhehlten und mitunter sogar laut singend preisgaben.
In jenen Momenten ruhte zumeist das Geschenk ihres Vaters auf ihrem Schoss. Genau genommen war es im Grunde keines, denn es gehörte ihr bereits seit langem. Doch das er sich erinnerte, nein, mehr noch, das er wünschte, sie würde die Erinnerung aufrechterhalten, war die Schönheit, die darin lag. Schönheit, die den beiden alten, abgenutzten Holzschwertern eigentlich nicht inne wohnte. Als Kind hatte sie mit ihnen gespielt, hatte ihr Vater ihr gezeigt, wie sie zu führen waren. Sie schmunzelte, wenn sie sich daran erinnerte, welche Späße er getrieben, wie schlecht er sich angestellt hatte, damit sie siegte, sehr zur Erheiterung ihrer Mutter. Natürlich war es stets ein Spiel gewesen. Es war unüblich, dass Frauen Waffen trugen, und so hatte sie niemals Stahl in den Händen gehabt. Die Schwerter waren eine Erinnerung, ein... Geheimnis, das die Wände oder den Garten ihres Heims nie verlassen hatte.
Sie seufzte tief. Es erschien ihr fast, als sei die Fülle der Heimlichkeiten angewachsen, als sei ihr der Sinn der meisten Dinge verborgen geblieben. Weshalb war sie hier? Auf diesem riesigen, wackelnden Schiff? Sie hatte nicht gefragt, nur hingenommen, dass es nötig war, nach Westen zu segeln. Ob sie dereinst verstehen würde? Sie hoffte es, doch zweifelte gleichsam an, dass die Antwort an der fernen Küste lag.
„Land in Sicht!“
Das ganze Schiff war in Aufruhr und jede Seele an Bord eilte sich, an Deck zu gelangen. Langsam, von den meisten unbemerkt, trat das junge Mädchen nur sehr zögerlich an einen freien Platz der Reling.
Der grüne Streifen mit den hohen Bergen, die stolz vor dem blauen Himmel aufragten, schob sich langsam, doch stetig näher. Die kreischenden Möwen begrüßten das Schiff, und die scheinbare Auffassung der Passagiere, es wäre ein Lied, das ihnen gesungen würde, und in das viele von ihnen laut einstimmten, ließ das Mädchen den Kopf schütteln. Sie war froh, als das Schiff nach, wie es ihr schien, unendlich langer Zeit andockte, doch nicht, um mit strahlendem Gesicht das neue Land einzunehmen, nein eher, um die grauenhafte Fahrt rasch aus ihrer Erinnerung zu tilgen.
Ihr Onkel war indes nicht müßig gewesen und hatte bereits, noch als die Arbeiter damit beschäftigt waren, das Gepäck der beiden abzuladen, eine Unterkunft in einer nahe gelegenen Taverne gefunden. Fröhlich grinsend, wie man es zumeist an ihm sah, führte er das Mädchen dorthin und machte sich auf, die Gegend zu erkunden, wohl vorrangig deswegen, um ihr ein wenig Zeit zu geben. Sie war ihm dankbar dafür, wenngleich sie auch nicht wusste, was sie mit den geschenkten Stunden anfangen würde.
Ja, wäre sie in der Heimat gewesen, so wäre sie…
Sie schüttelte heftig den Kopf. Sie musste sich dazu zwingen, Gedanken jener Art zu vertreiben, denn es half ihr nicht bei dem, was vor ihr lag. Sich zusammenreißend öffnete sie den Deckel der Kiste, die ihr am nächsten stand. War sie eben noch antriebslos gewesen, wurde dies Gefühl nun von grenzenloser Überraschung vertrieben, als sie die Gegenstände bemerkte, die obenauf lagen. Rasch sah sie sich um, bevor sie sie vorsichtig heraushob. Ein leises surrendes Geräusch erschallte kurz darauf im kleinen Raum und sie hielt inne, um ihr Gesicht auf der spiegelglatten Oberfläche zu betrachten. Sie bemerkte nun erst das kleine Pergament, das als Botschaft beigefügt war.
‚Auf dass du nicht vergisst.’
Als die Dämmerung einsetzte, stand sie an einer ruhigen Stelle am Strand und begrüßte die Mondin, die hell und rund am Himmel erstrahlte und das Meer mit ihrem Leuchten glitzern ließ. Sehnsüchtig folgten die braunen Augen des Mädchens den weißen Segeln, die dem Horizont entgegentrieben, zurück in das Imperiale Kaiserreich, auf das Festland, in die Heimat. Flüsternde Worte wurden vom Wind davongetragen, über die See hinaus, als wäre die Sprecherin vom Wunsch beseelt, sie mögen den Schiffen folgen, bis sie in der Weite verhallten und das Rauschen der Wellen eine eigene Form der Stille schuf

