Nesselweide
Aus Auryen
Die Nesselweide ist im Imperium ein einzigartiger Baum. Im ganzen Reich ist nur jenes Exemplar bekannt, das versteckt in Gording steht. Ihre Wurzeln verschwinden an einem verborgen liegenden Ort am südlichen Rande des Zankatwalds in der Tiefe des dunklen Bodens. Nur wenige wissen um den genauen Platz, doch soll der Baum in Sichtweite des Meeres, nicht weit der Stadt Goryen zu finden sein.
Ihre Einzigartigkeit – die von bleibender Dauer zu sein scheint, denn Forscher, gnomischer und anderer Abstammung, haben bereits vergeblich versucht die Pflanze zu vermehren – soll jedoch nicht die alleinige Besonderheit dieses Gewächses sein. Mindestens ebenso erstaunlich spricht man über ihre Blätter, die des Nachts leicht leuchten sollen.
Des Tages mag dabei nichts gar so außergewöhnliches an ihnen zu entdecken sein. Im Frühling sprießen sie angeblich in grünlich-blauer Färbung und füllen schnell das dichte Geäst, das beinahe bis zum Himmel zu reichen scheint. Gegen Ende des Zarias soll die Nesselweide dann gut einen Zehntag in kleinen, blaßgelben Blüten blühen, die kurze Zeit später sanft zur Erde schweben. Früchte, so viel ist sicher, reifen während des Sommers jedoch keine an ihr. Der Baum behält seine Färbung wohl bis zum Herbst und um den Beginn des Jonarus sagt man, wechseln die Blätter über Nacht ihre Farbe und erstrahlen am Tag nun in einem dunklen, kräftigen rot.
Fällt im Fellarus der erste Schnee, verliert der Baum all seine Blätter auf wundersame Weise. Der Schnee selbst scheint es zu sein, der das Ende der Blätter besiegelt, denn tritt nach dem Schneefall die Dunkelheit ein, ereignet sich ein Schauspiel von betörender Schönheit. Die Blätter der Nesselweide entzünden sich alle zeitgleich mit kleiner Flamme und verbrennen langsam, um als Asche zu Boden zu fallen.
Bekannt in Gording und in der näheren Umgebung ist die Nesselsuppe Goryaner Art, die als entscheidende Zutat die Blätter der Nesselweide verwendet. Gern wird die Anekdote um das Fest der tausend Zungen, den Großen Schmaus, erzählt, als eben jene Suppe über den Sieg im Exquisiten Kochen im Duell zwischen Broder Sandrock und Malin Fronessen entschied.
Das Rezept ist in den einschlägigen Kochbüchern der Gegend nachzulesen, nicht jedoch, wie man an die Blätter der Weide gelangt. Die Aufzeichnungen über jenes Kochduell, niedergeschrieben von Odilo Güldenring, behaupten jedoch, nur wenn man sich den Blättern von ihrer Rückseite nähere, wäre es möglich sie zu pflücken.
