Ruinen
Aus Auryen
"Seid ihr wirklich sicher das sich hier nichts mehr befindet?"
Es kam nur ein genervt klingendes Grummeln aus dem Stollen vor mir, und Aufgrund der Tatsache das der Zwerg vor mir eine wirklich große Axt mit sich trug, ließ mich meine Frage nicht wiederholen. Nicht das ich dies nicht schon die letzten Stunden mehrmals gefragt hatte, aber was will man machen wenn die einzige Antwort auf sowas ein bellendes "Ja!" ist.
Sowas baut einen nicht wirklich auf.
Einen schweren Seufzer ausstoßend schlurfte ich der massigen Gestalt weiter nach. Dabei ließ ich meine Blicke zum wiederholten Male über die fein gehauenen Wände des Tunnels gleiten durch den wir gingen. Eines mußte man diesem Volk ja lassen: trotz ihrer groben Art konnten sie wirklich mit Stein umgehen.
Ich hob meinen Blick gen der niedrigen Decke. Aber Völker die größer gewachsen waren als sie oder wir Gnome waren hier wirklich verloren. Ich konnte mir richtig vorstellen wie tief gebeugt sie sich würden fortbewegen müssen und sicherlich würden viele Flüche den Gang füllen, wenn sich jemand den Kopf stieß.
Kopfschüttelnd sah ich wieder zu dem breiten Kettenhemd gekleideten Rücken vor mir hin. Vielleicht sollte ich doch nochmal versuchen die Zwerge zu überzeugen meinen nagelneu gebauten Maulwurfgraber zu verwenden um ihre Tunnel zu bauen. Immer wenn ich es erwähne werden sie jedoch derart grummelig und mißgelaunt, das ich das Thema stets wechsel.
Zwerge...
Nun gut, ich wollte nicht undankbar erscheinen. Schließlich hatte sich dieser nette Zeitgenosse vor mir freundlicherweise bereit erklärt mich zu einem Ort zu führen, den sie vor einigen wochen bei ihren Grabungen entdeckt hatten. Das einzige was mich wunderte, war, weswegen die Zwerge bei meiner Bitte kleine Stöckchen gezogen hatten, von denen wohl eines kleiner ward als die anderen. Wohl irgendein Ritual.
"Wir sind gleich da."
Das Gegrummel vor mir ließ mich meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne richten. Dunkelheit breitete sich vor uns in alle Seiten aus, das difuse Licht der Fackel, die mein Führer bei sich trug nur einen kleinen Lichtkreis um uns herum erhellend.
"Wir müssen weiter rein. Dort ist was du sehen wolltest."
Bevor ich auch nur etwas erwidernd konnte, stapfte er auch schon tiefer in die Finsternis hinein und nahm die Fackel mit. Eilig folgte ich ihm, denn in der Dunkelheit stehen war nichts für mich. Meine Helmlampe hatte leider schon vor langer Zeit aufgehört zu glühen. Ich mußte unbedingt frischere Glühwürmchen fangen.
Laut knirschten die Nägelbeschlagenen Stiefel des Zwergen, hallte es laut um uns herum, verlor sich, was mir klar werden ließ das wir uns in einer wirklich großen, weitausgedehnten Höhle befinden mußten.
Wie sehr wünschte ich sie vollkommen erhellen zu können. Was sich hier wohl noch alles verbergen mochte. Das was die Zwerge gefunden hatten, war gewiß nur ein Sandkorn eines ganzen Berges.
"Ich muss unbedingt meine Verwandten hierher bringen. Was wir hier alles entdecken werden."
Ohne Warnung bleib mein Führer vor mir stehen und ich könnte schwören das er für einen Moment erzitterte. Gar sein Bart sträubte sich. Hatte er etwas grausiges vor uns entdeckt?
Neugierig blickte ich über seine Schulter nach vorne, konnte aber nur Dunkelheit und den kleinen Flecken erhellten Gesteins unter unseren Füßen erkennen. War das dort ein polierter Stein...und dort...
Mit einem begeisterten Laut sackte ich auf die Knie und wischte mit beiden Händen einiges an Steinstaub und Geröll beiseite.
Sanft im Licht schimmernde polierte Steine wie man sie für Strassen nutzen mochte, lagen dort vor meinen Augen ausgebeitet. Einigen waren gesplittert oder geborsten aber auch sehr viele waren in einem überraschend guten Zustand erhalten geblieben.
Wie alt sie wohl waren?
"Wir stehen hier auf uralter Geschichte, Herr Dunkelbart, wer weiß wer hier damals seine Schritte hinüber setzte."
Auf meine Begeisterung kam nur ein gegrummeltes 'Hrm' zurück, jedoch kümmerte es mich nicht. Ich, Jasper Jasperius, würde in der ganzen Gegend berühmt werden, jeder Gnom würde mich als Entdecker feiern....
"Kommt weiter, Gnom," unterbrach mich der Zwerg mit knurrender Stimme und seine eisenbeschlagenen Stiefel knirschten auf dem Boden als er weiter ging. "Dort vorne ist das was ihr sehen wolltet."
Die Flammen der Fackel knisterten und zischten an dem Pech, und riß weiter die Dunkelheit auf. Bis sie dann von einer fein polierten schwarzen Wand aufgesogen werden schien, nur wenige Schritte von uns entfernt.
Ruinen.
Ein begeisterter Ruf entwich meiner Kehle als ich am Zwerge vorbei zu der Wand stürzte und meine Hände sanft, damit unter meinen Händen garnichts geschehen konnte was dieses wertvolle Stück zu beschädigen vermochte, über den glatten Stein strich.
Es war also wahr. Her tief unter den Graugipfeln gab es Ruinen einer alten Zivilisation, deren Ursprung nicht einmal dem Volke der Zwerge bekannt war.
Als mein Begleiter mir hinterher kam, riß das Licht seiner Fackel noch mehr Ruinen um uns herum aus der Dunkelheit heraus, nun klarer zu erkennen in welch zerstörten Zustand sie waren. Nur etwa Kniehohe Ruinen waren von den einst sicher hoch gen der Höhlendecke aufragenden Gebäuden übrig geblieben. Die einzige halbwegs gut gehaltene ward die vor der wir standen.
"Das ist Obsidiangestein," meinte mein Führer mit gesenkter Stimme und strich selber mit einer Hand über die schwarze Wand vor uns. "Sehr schwer zu verarbeiten und in den Graugipfeln nicht oder nicht mehr zu finden."
Nachdenklich kratzte ich mir die große Nase und beobachtete seine Hand, wie er über das schwarze Gestein strich. Obsidian...ich hatte davon gelesen aber niemals welches mit eigenen Augen gesehen.
"Es muss also ein hochentwickeltes Volk gewesen sein, wenn es dieses Gestein zu verarbeiten mochte."
Die Dunkelheit um uns herum schien seltsame hochaufragende Gestalten zu bilden, als Dunkelbart neben mir die Fackel gen Boden senkte.
"Vielleicht waren sie das, aber wie erklärt ihr das hier, Herr Gnom?"
Der Bewegung der Fackel gen Boden folgend, spürte ich wie sich langsam eine Gänsehaut ihren Weg meinen Rücken hinab bildete. Aus der Dunkelheit gerissen vom Schein der Fackel stierten leere Augenhöhlen zu uns herauf.
Ich stieß einen sehr ungnomenhaften spitzen Schrei aus und sprang zurück.
"W-w-was ist das?!"
Die Fackel senkte sich noch weiter gen Boden und enthüllte so meinen schreckgeweiteten Augen noch mehr der Totenschädel, die auf einem Haufen aufgestapelt an der Wand lagen, die wir uns eben noch angeschaut hatten. Und das flackernde Licht zeigte uns eines deutlich, selbst mir der ich nur selten Totenschädel untersuchte oder auch nur sah. Aber ich würde es nicht aussprechen, nein, ich nicht.
"Sie sind nicht alt." Tief beugte sich Dunkelbart über die Totenschädel, die seinen Blick stumm aus ihren schwarzen Augenhöhlen erwiderten.
Ich seufzte und trat wieder neben ihn, widerwillig meinen Blick auf die Totenschädel senkend, auf die Bleichheit der Knochen, dieses Grinsen.....
Schaudernd rieb ich mir die Oberarme und beugte mich gen Dunkelbart, nun doch langsam mißtrauische Blicke um mich werfend.
"Was genau bedeutet es?"
Oh, ich wußte was es bedeutete. Es bedeutete das diese Ruinen nicht ganz so unbekannt waren wie ich annahm, nicht seid Jahrhunderten nicht mehr betreten, sondern erst vor kurzer Zeit. Aber ich wollte es lieber von ihm hören.
"Es bedeutet das es jemanden oder mehreren Freude bereitet Menschen zu töten, sie zu köpfen und ihre Schädel hier aufzustapeln." Seine schwarzen buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen als er düster auf die Schädel stierte. "Und das erst seit kurzem, da ich weiß das erst vor einem Jahr einige Zwerge hier waren. Sie hätten dies entdeckt."
Ich rückte näher zu ihm heran, nun dankbar für seine Axt. Meine Neugier jedoch geweckt sah ich wieder auf die Schädel, aufmerksamer nun. Sie waren vollkommen von jeglichen Haar-oder Hautresten befreit worden, fast poliert wirkten sie. Jemand hatte sich wirklich viel Mühe gegeben. Aber was für eine grausige Beschäftigung.
"Hmm..? Was ist das?" Noch nie hatte ich Dunkelbart derart erstaunt gesehen und fragend sah ich ihm zu, wie er sich hinab beugte und seine Hand zu dem Schädelhaufen ausstreckte. Zielsicher fasste er zwischen zwei Schädel hindurch und zog sehr vorsichtig dann etwas hervor.
Ein überraschter Ausruf entwich meiner Kehle als ich schließlich sah was er in den Händen hielt.
Einen Schädel, ja, aber keinen normalen. Die Knochen wirkten spröder, mehr gelblich, an einigen Stellen war der Knochen bereits geborsten. Er war älter als die anderen. Jedoch das absonderliche an ihm war....anstatt das relativ platte Gesicht eines Menschen zu haben wie die anderen Schädel....uferte dieser Schädel zu einer einer Schnauze aus.
Glatte Knochen bogen sich von dort wo man den Rassen die Nase begann zu einer langen Schnauze, wie bei einer Eidechse.
"Was...ist das?"
Ich sah wie Dunkelbart seinen Mund öffnete, wohl um mir zu sagen das er es nicht wußte. Ich vernahm seine Worte jedoch nicht, kam er doch nie dazu sie zu sprechen.
Ein Wesen wie ich es nie zuvor gesehen, schien aus der Wand, aus der Schwärze zu gleiten wie Wasser. Blutrote Augen, die von einem inneren Licht zu glühen schienen sahen voller Hass auf uns-bevor es sich mit einem hohen Kreischen auf Dunkelbart stürzte, schwarze Klauen ausgestreckt.
Danach schien alles nur noch in Zeitlupe zu geschehen vor meinen geweiteten Augen. Das Wesen das sich aus der Wand auf uns stürzte. Das Gefühl des Schädels als Dunkelbart ihn mir in die Arme drückte und mich dabei gleichzeitig zurück stieß, fort von sich und dem Feind.
Das Gefühl meiner zurück stolperten Füße, das Knirschen der Steine unter meinen Schuhen, auf ewig würde es mir im Gedächtnis haften bleiben. Aber am deutlichsten brannte sich mir das Bild ein, das sich mir darbot.
Dunkelbart, seine Hand die nach der Streitaxt an seiner Schulter griff, seine andere Hand die Fackel wie eine zweite Waffe haltend als er nach dem Wesen schlug das sich auf ihn stürzte, das grausige hohe Kreischen in der Luft hängend.
Und dann war alles vorbei in nur wenigen Herzschlägen wie es schien. Die Zeit drehte sich weiter.
Ein kleiner Schmerzenslaut entwich mir als ich auf dem harten mit kleinen Steinen übersäten Boden auftraf, und schützend schlang ich meine Arme um den Schädel um ihn vor Schaden zu bewahren.
Fast sofort jedoch wanderte mein Blick wieder zu Dunkelbart, tiefe Sorge meine Brust zusammen schnürend. Was wenn das Wesen ihn getötet hatte? Was wenn es nun auf mich zukam, seine Klauen ausgestreckt? Was wenn Dunkelbart mit aufgerissener Brust am Boden lag, sein Blut über den Steinboden fließend..
Heftig schüttelte ich den Kopf. Keine Panik.
Tief durchatmend öffnete ich meine Augen wider und sah ...erleichtert atmete ich durch als ich Dunkelbart noch dort stehen sah von wo er mich fort gestoßen hatte.
Schwer ging sein Atem und mißtrauisch sah ich seine Augen funkeln als er sich umsah, seine schwarzen Augen durch die Dunkelheit schweifend.
"Dunkelbart, wo...?"
Eine aprupte Bewegung seiner Streitaxt ließ mich wieder verstummen. Und mein Herz hielt für einige momente inne als ich eine schwarze Flüssigkeit an der hellen Klinge sah. Blut. Schwarzes Blut.
Er hatte das Wesen also erwischt.
Leises, noch weit entferntes Kreischen brachte mein Herz wieder zum schlagen, schneller als jemals zuvor.
"Wir müssen hier weg!" Mit einem Knurren rannte Dunkelbart auf mich zu, packte mich am Arm und zerrte mich so mit sich, ohne auch nur abzuwarten bis ich selber auf die Füße kam. Das störte mich jedoch wenig und einen Angstschrei ausstoßend klammerte ich mich an seinen Arm und versuchte mit seinem Schritt mitzuhalten als es schien als würde die Dunkelheit hinter uns lebendig werden.
Rote Augen glühten, brannten in einem Innerne Feuer aus der Finsternis hervor. Hohe Schreie, die in meinen Ohren schmerzten, die meine eigenen Schreie verschluckten. Das Stampfen der Zwergenstiefel auf dem Boden.
Und dann war alles vorbei.....
Sorgsam legte ich die Stoffstreifen um den Schädel und verknotete schließlich die Enden.
"Das sollte ausreichen."
Ein Grummeln antwortete mir nur und mit einem Lächeln sah ich zu Dunkelbart hinüber, der mich von der Tür aus beobachtete. Ich empfand es immer noch als Wunder ihn dort stehen zu sehen, am Leben. Und natürlich wunderte es mich auch selbst noch am Leben zu sein. Noch nie war ich so knapp am Rande des Todes gewesen. Beinahe hätten wir es nicht geschafft.
Wir waren so nahe gewesen diesen unbekannten Wesen zum Opfer zu fallen. Waren durch die düsteren Gänge gelaufen voller Furcht, waren geflohen, die Schreie hinter uns her. Und irgendwann waren sie einfach fort gewesen. Keine Schreie mehr. Keine rotglühenden Augen.
Meine düsteren Gedanken mit einem Schütteln meines Kopfes zu vertreiben suchend, nahm ich meinen Rucksack und den Schädel und ging zu Dunkelbart hinüber.
"Ich werde euch Nachricht schicken, sobald ich mehr über diesen Schädel weiß, Herr Dunkelbart. Und ihr.."
"Wir Zwerge werden die Tunnel dorthin im Augen behalten, keine Sorge, kleiner Gnom. Und falls etwas geschieht werden wir euch benachrichtigen."
Ich konnte darauf nur nicken und nach einem schon frendschaftlichen Handschlag, verließ ich das Zimmer und wanderte die hell erleuchteten Gänge hinab. Es ward nun Zeit mehr über diesen echsenartigen Schädel heraufzufinden.
