Schlangenhüter: Vernunft
Aus Auryen
Einst, im Frühling, da die Blätter grün und voller Leben waren und jeder Vogel das Lied des Windes sang, erschien vor Schlangenhüters Auge ein Junge. Jener folgte ihm bereits seit einigen Mondinumläufen, treu ergeben allen Gesetzen, um derentwillen sich das Schattenvolk rühmte. Ohne Zaudern tat er damals seinen Schwur, ohne Bedenken dem folgend, was richtig erschien. Er wusste, nicht Grenzen waren es, die ihm auferlegt wurden, nein, es war der Pfad der Freiheit.
So trat er ohne Furcht vor Meister Schlangenhüters Stuhl, um das Mädchen zu rühmen, das sein jugendlicher Blick in Liebe erfasst hatte. Schön war sie und gleichsam geschickt, die Summe all dessen, was ihm zu seinem Glück gefehlt hatte, und so wünschte er sich, dass ihr erlaubt wurde, seinen Weg zu teilen. Schlangenhüter musterte den leidenschaftlichen Jungen ruhig und als dieser geendet hatte, war es nur eine einzige Frage, die er stellte:
„Bist du dir ihrer sicher?“
Ohne Zögern erschallte das Ja, so dass der Meister sein Haupt neigte, zum Zeichen seiner Zustimmung. Doch seine Weisheit war groß, denn er traute dem verliebten Blick des Jünglings nicht. Und so wählte er dessen Aufgaben mit Bedacht, dort Unbedenkliches säend, wo Bedenkliches zu erwarten war.
Der Jüngling indes hatte nicht gelogen. Seine Maid war schön, gleich einer Lilie, die betörenden Duft verströmt. Doch war sie sich dessen bewusst und daher über alle Maßen stolz. Als sie erfuhr, wessen Pfad ihr Jüngling folgte, wessen Pfad sie selbst folgen würde, frohlockte sie und schätzte fortan ihren Wert höher als sie sich tatsächlich rühmen konnte.
Es dauerte nicht lange, da verbreitete sich in den Gassen das Gerücht, Meister Schlangenhüter hätte einem jungen Mädchen Bevorzugung erteilt, da ihre Fähigkeiten und ihre Klugheit sie vor allen anderen auszeichnete. Die Urheberin dessen stolzierte hoch erhobenen Hauptes umher, davon überzeugt, dass jene Worte der Wahrheit entsprechen würden, würde ihr nur einmal gestattet werden, vor Schlangenhüters Augen zu treten. Der Jüngling versuchte vergebens, sie zur Vernunft zu bringen, bat und flehte gar, doch sie verlachte ihn nur. Ohne Furcht und im Glauben, dass schützende Hände über ihr lagen, wagte sie sich sogar in die gefährlichsten Gegenden vor, dorthin wo Schlangenhüters Wort nicht geachtet wurde. Aufgrund ihrer hochtrabenden Worte wurde sie rasch erkannt und fiel in die Hände einiger brutaler Gestalten, die sich einen Spaß daraus machten, Schlangenhüters Gesellin die Sitten näher zu bringen, die unter ihnen Geltung hatten. War sie zu Beginn noch hochtrabend und herablassend – sie wagte es gar ihren Angreifern zu drohen, wurden ihre Worte bald durch ihre Schreie erstickt.
Als der Morgen anbrach, war alles was von ihrer Schönheit übrig blieb ein weißer, lebloser Körper, der im Schmutz einer feuchten Gasse lag. Man vermag kaum den Schmerz zu beschreiben, der den Jüngling überfiel, da er die Nachricht ihres Todes vernahm. Es wird erzählt, er habe drei Tage und drei Nächte in seiner Behausung zugebracht, schreiend und klagend über ihren Verlust. Am vierten Tag schließlich war er voller Hass und forderte Rache für den Tod der Geliebten, so dass er einmal mehr vor Meister Schlangenhüter trat.
Ruhig hörte dieser die Worte des Jungen, voller Wut und Schmerz hingeworfen. Doch hatte er ebenso die Gerüchte vernommen und wusste wie das Mädchen den Tod gefunden hatte. Und so war das einzige was er sprach:
„Warst du dir ihrer sicher?“
Der Jüngling hob den Blick direkt in die Augen Schlangenhüters. Einige Momente verstrichen, ehe er sich schließlich erhob und ohne Antwort von ihm schied.
Niemals wieder erwähnte der Jüngling das Mädchen, das er verloren hatte und niemals wieder verschenkte er sein Vertrauen ohne Vernunft.
