Schwarzgroll und die Wölfe von Hallemark

Aus Auryen

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In Hallemark, dort wo das Kaiserreich an das Ödland grenzt, sind die Winter streng und unerbittlich, wie die Steuereintreiber des Herzogs. Von Gotarus bis zum Ende des Tylar bedeckt eine dicke Schneeschicht die Ebenen und die Wipfel des Eisenwaldes, der Wind pfeift eisig um die Hütten und Häuser und Tags wird es kaum je richtig hell.
Das ist die Zeit, wo die Wölfe den Wald verlassen und in den umliegenden Dörfern auf Jagd gehen. Die Siedlungen am Rande des Waldes, wie Gram und Apfelwang, haben daher hohe Holzpalisaden errichten müssen und die besten Bogenschützen des Imperiums kommen aus jener Gegend. Die Gasthäuser entlang der Waldrandroute halten ihre Türen während dieser Zeit stetig verschlossen. Ohnehin verirrt sich im Winter kaum jemand in diese Gegend.

Vom strengsten Winter der Geschichte berichten die Schreiber aus dem Jahre 540 dIK. Schon Ende des Jonarus hatte das Götterpaar die ersten Flocken geschickt. Die Seen und Tümpel waren zugefroren und selbst den Thelon bedeckte in der Mitte des Cromar eine dicke Eisschicht. Die Wölfe waren wilder als jemals zuvor und ihr Weg führte sie bis hinunter nach Untersteig und Frewinne. Das Rudel war auf eine mächtige Zahl angewachsen. Manche sprachen von mehr als sechs Dutzend Tieren. Der Leitwolf, der die Meute führte, soll das Stockmaß eines Esels gehabt haben und ob seines tiefschwarzen Fells und seinem markerschütternden Heulen nannte man ihn bald Schwarzgroll.

Schwarzgroll war listig wie ein Fuchs und skrupellos wie ein Assasine Anwa'ars. Sein Rudel schien aus dem Nichts aufzutauchen und verschwand wieder, ohne ersichtliche Spuren zurück zu lassen. Die Dunkelheit der Jahreszeit, sowie das scheinbar nie endende Schneetreiben dieses Winters spielten ihm in die Karten und doch machte es den Anschein, dass er sich von seinen Artgenossen unterschied. Nie zuvor war ein Wolfsrudel so weit nach Süden gekommen. Nie zuvor hatte es so offensichtlich die Nähe der Menschen gesucht. Und nie zuvor war es so erfolgreich dabei gewesen, in die Ställen und Scheunen einzudringen.

Das einfache Volk hatte viele seiner Tiere eingebüßt und natürlich war auch auf den Höfen und in den Dörfern die Not ob des harten Winters nicht klein. So begann man Boten zur Feste zu senden, die den Herzog um Hilfe bitten sollten. Die Fülle der Bittstellungen ließ den Herrscher die Dringlichkeit der Sache verstehen und so zögerte er nicht, sondern sandte sogleich einen Trupp seiner Männer aus, die Plage zu beseitigen. Um den Vorgang zu beschleunigen, setzte er außerdem ein Kopfgold auf den Leitwolf aus, das mit 10.000 Goldmünzen einem kleinen Vermögen glich.

So wie sich die Nachricht vom Wolf im ganzen Herzogtum und auch über die Grenzen hinaus verbreitet hatte, erreichte auch die Kunde vom Kopfgeld jedweden Winkel der Umgebung. Und so machte sich manch einer auf, um sein Glück zu suchen.
Die meisten scheiterten jedoch schon an der Witterung und dem unwegsamen Gelände sodass sie bald umkehrten. Einige wenige spürten immerhin die Fährte der Wölfe auf, konnten sich jedoch nie derart nähern, dass sie die Möglichkeit besessen hätten, den Tieren den Garaus zu machen. So gaben auch sie irgendwann ihr Vorhaben auf. Und auch der Kampfverband des Herzogs irrte mehr schlecht als recht durchs Gelände und war weit davon entfernt, seinen Auftrag zu erfüllen.

Doch begab es sich, dass im 'Mühlstein', der Schenke, die nahe bei Growick in der Grafschaft Als liegt, ein Mann saß und zum Mittagstisch eine dampfende Suppe und einen guten Humpen Met vor sich stehen hatte. Schweigsam löffelte er seine Mahlzeit, trank ab und an einen Schluck und lauschte den Gesprächen, die an den spärlich besetzten Nebentischen geführt wurden. Auch in Als waren die Straßen und Wege kaum mehr befahren als im Rest des nördlichen Imperiums, doch der 'Mühlstein' liegt bekanntlich an jenem Knotenpunkt, der die Handelswege von Als, Freiemar und Hallemark verbindet. So fanden sich dort auch zu dieser Zeit immer wieder Reisende ein, die sich durch die Jahreszeit nicht aufhalten lassen wollten oder konnten.

Als der Gast nun seine Speisen bezahlt hatte, erhob er sich, schulterte den Rucksack und nahm den riesigen Bogen, sowie ein längliches Bündel auf, dass die ganze Zeit neben ihm auf dem Boden gelegen hatte. Er empfahl sich dem Wirt, verließ die Schenke und wandte sich westwärts, der verschneiten Grenze zu.

Nichts ist bekannt darüber, wie Tammo Duenkelan, so nämlich, war der Name dieses Wanderers, Schwarzgroll und sein Rudel aufspürte. Auf diesem und jenem Hof behauptete man später, sich daran zu erinnern, dass ein geheimnisvoller Fremder die ein oder andere Frage gestellt hatte. Die Beschreibungen jener Person gingen aber so weit auseinander, dass an diesen Worten Zweifel gehegt werden müssen.
Und doch gibt es keinen Zweifel daran, wer letztendlich den großen Wolf und einen Großteil seines Rudels zur Strecke brachte. Und der Beweis dafür ist der Schaft des Pfeils, der das größte jener Tiere erlegte.

Schwarzgroll fand sein Ende wenige Wegstunden südlich von Gram. Die Wölfe hatten am frühen Abend ein Gehöft in jener Gegend umstellt und attackierten bereits die Stallungen. Da tauchte Tammo aus dem wirbelnden Schneegestöber auf und seine Hand war schnell wie der Wind und sein Auge scharf wie eine Klinge. Der erste Schuss traf ein Tier gleich in der Nähe des Leitwolfs. Dies lenkte Schwarzgrolls Aufmerksamkeit auf den Schützen und er stürzte sich auf jenen, der es wagte, seinen Beutezug zu stören. Doch als er sich Tammo zuwandte, war das letzte Kapitel seiner scheußliche Geschichte bereits geschrieben. Der nächste Pfeil durchschlug seine Stirn genau zwischen dem einst so gefährlich blitzenden Augenpaar und ließ ihn auf der Stelle tot umfallen. Sein Tod löste Panik unter dem Rest des Rudels aus. Die Wölfe begannen sich gegenseitig zu zerfleischen um den neuen Leitwolf zu bestimmen und einige erhoben scheinbar Anspruch auf diesen Posten. Das machte es dem Bogenschützen leicht, weitere Tiere zur Strecke zu bringen und es dauerte nicht lang, da ergriffen die Übrigen die Flucht.

Die Bewohner des Hofes hatten durch die Ritzen der Fensterläden einen Großteil der Schlacht mit angesehen. Nun kamen sie heraus und eilten freudig dem Retter zu. Der jedoch schenkte ihnen wenig Beachtung. Er war dabei seinen Pfeil aus dem Schädel Schwarzgrolls zu ziehen. Der Schaft brach ihm jedoch ab und er warf ihn mit einem Fluch beiseite. Mürrisch hieß er die Knechte ein Feuer zu entfachen, was sie widerspruchslos taten, während er selbst sich daran gab, den Kopf des riesigen Untiers abzutrennen. Als er dessen Kehle durchtrennte, ergoss sich ein Strahl tiefroten Blutes in den Schnee.

Der Wind und das Schneetreiben hatten sich für einen Moment gelegt und doch dauerte es eine Weile, bis ein Feuer entfacht war, das Tammo genügte. Schweigend sah er zu, bis die Flammen die gewünschte Höhe erreicht hatten. Dann hieß er die Männer den Wolf darin zu verbrennen. Ein beißender Gestank von verbranntem Fell und Fleisch breitete sich aus und die Menschen bedeckten Mund und Nase mit ihren Mützen, Tüchern oder den Ärmeln ihrer Mäntel. Währenddessen sprach kaum jemand ein Wort und auch nachdem von Schwarzgroll nur noch ein verkohlter Klumpen zu erkennen war, blieb es still.

Tammo wickelte den weitgehend ausgebluteten Kopf des Wolfs in ein Bündel, warf noch einen letzten Blick auf das Feuer, bevor er sich abwandte und seinen Weg nach Süden antrat. Wenige Zehntage später war im ganzen Land bekannt, dass der Herzog die ausgesetzte Belohnung bezahlt hatte.

Ich aber, der ich zu jener Zeit ein Junge von erst 8 Sommern war, beeilte mich jenen Pfeilschaft an mich zu nehmen, den der große Jäger missmutig von sich geworfen hatte. Erst Jahrzehnte später sollte ich, nach mühsamen Nachforschungen, herausfinden, dass er für Tammo Duenkelan, den in meinen Augen wohl größten Jäger des Imperiums, gefertigt worden war.

Bano Pferdsohr, 601 dIK

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