Wie der Grüne Ronn am Ochsenjoch landete
Aus Auryen
Wer kennt ihn nicht,
den Grünen Ronn,
aus dem Zankharawald ?
Schon wer seinen Geschichten lauscht,
dem wird bald heiß, bald kalt.
Der Ruf des Grünen Ronns war schnell um den ganzen Zankharawald bekannt und die Fürsten und Ortsvorsteher hatten alsbald hohe Summen auf seinen Kopf ausgesetzt. So kam es, dass Reisen durch den Wald immer seltener wurden, die Zahl der Wagemutigen, die den Räuber zu ergreifen suchten, jedoch wuchs. Wenn sich jedoch eine Gesellschaft aufmachte, den Forst zu durchqueren, so war sie meist zahlreich und zudem streng bewacht, sodass es dem Grünen Ronn immer schwerer fiel, leichte Beute zu machen. Von einer solchen Gesellschaft soll nun hier die Rede sein.
Ein reicher Kaufmann aus Hohewacht hatte eine große Anzahl Pelze bei einem Händler aus Pletten, im Fürstentum Freiemar bestellt. Pletten war und ist berühmt für seine Pelzjäger und die Aufträge waren schon oft über die Herrschaftsgrenze vergeben worden. Man war stolz auf die hohe Qualität der eigenen Waren und die prompte Lieferung derselben. So beschloss der betraute Händler, den Warnungen zum Trotz, den Weg durch den Wald zu wagen. Als er zahlreiche wagemutige Söldner angeworben hatte, schlossen sich weitere Händler seiner Unternehmung an, sodass am Ende ein großer Tross den breiten Pfad von Pletten nach Fruden antrat.
Zunächst waren alle recht gut aufgelegt, denn man kam gut voran. Der Pfad war einst mit Sorgfalt angelegt worden und der Wald hatte noch nicht ausreichend Zeit gehabt, sich seines alten Territoriums wieder zu bemächtigen. Hier und da lag ein größer Ast auf dem Wege, sodass die beiden Wagen auf denen die Waren mit sich geführt wurden, unbeirrt weiter fahren konnten.
Mit zunehmender Dauer wurde der Forst jedoch dichter, die Zweige hingen tief über den Reisenden und dämpften das wenige Licht, sodass die Gruppe merklich stiller wurde. So waren bald die Geräusche des Waldes, neben dem Rattern der Räder und den Schritten von Mensch und Tier, das Einzige, was man vernahm.
Plötzlich unterbrach lautes Lachen und amüsiertes Rufen die Stille. Umgehend machte die Handelsgesellschaft halt und Späher wurden ausgesandt, den Ursprung der Geräusche zu ergründen. Zwei Söldner, die sich mehrfach ihrer Schleichkünste gerühmt hatten, eilten voraus und verschwanden hinter der nächsten Wegbiegung.
Dort bot sich den beiden ein seltsamer Anblick. Ein Trupp von vielleicht acht oder neun schwer Bewaffneten trieb sichtlich vergnügt einen ganz in grün gekleideten Kerl vor sich her. Diesem augenscheinlich Gefangene hatte man ein Ochsenjoch auf die Schultern gebunden und ließ ihn, an einen langen Strick gebunden, vorwärts stolpern. Aus den Worten der Fremden ging hervor, dass ihnen scheinbar der Grüne Ronn in die Falle gegangen war und diese Nachricht erfüllte das Herz der beiden Söldner mit Freude, sodass sie sich durch lautes Rufen bemerkbar machten. Zunächst alarmiert, mit fortschreitender Dauer des Gespräches jedoch beruhigt, machten sich jedermann miteinander bekannt und die zurückliegenden Erlebnisse ausgetauscht. Der Grüne Ronn war wohl einer Gruppe von Kopfgeldjägern in die Hände gefallen. Über eine Woche habe man nach ihm Ausschau gehalten, ehe man seine Spur aufgenommen und den berüchtigten Räuber letztendlich zur Strecke gebracht habe. Die Söldner berichteten ihrerseits bereitwillig von dem ihnen folgenden Tross und den zahlreichen Waren. Zudem schlugen sie eine gemeinsame Weiterreise vor, wenn auch die Gefahr des großen Wegelagerers nun nicht mehr bestand. Die anderen stimmten fröhlich zu und so zog man bald gemeinsam westwärts.
Während der Weiterfahrt wuchs nun die Begeisterung und das Lob für den Fang des Grünen Ronns. Alle malten sich aus, welche Gewinne ihnen die neue Sicherheit im Zankharawald bescheren würde. Es ist unklar, wem die Idee dafür kam, dieses freudige Ereignis gebührend zu feiern, fest steht nur, dass man allgemein davon begeistert war. Als man kurz vor Einbruch der Dunkelheit den geeigneten Lagerplatz ausgemacht hatte, wurden große Feuer errichtet, an denen alsbald saftige Fleischstücke gebraten wurden. Von einem der Wagen wurde Bier und Wein gereicht und einer derer, die den Räuber dingfest gemacht hatten, zog gar eine Flöte hervor, auf der er eine lustige Melodie erklingen ließ.
Als die Flammen herunter gebrannt waren und sich ein jeder gesättigt hatte, machte sich eine gewisse Müdigkeit breit. Der Flötenspieler verstummte und zog zwei Flaschen „Kristallklarer“ hervor und ließ sie durch die Reihen wandern. So dauerte es nicht mehr lange, bis jedermann schlief.
Spät erst weckte der Sonnenvater die Schläfer, denn auch an jenem Rastplatz hatten seine Strahlen Mühe, durch das dichte Geäst zu dringen. Die Mitglieder der Gesellschaft brauchten einen Moment, um zu sich zu kommen, hatte der Trunk des Abends doch nicht seine Wirkung verfehlt. So verging eine Zeit, bevor alles durcheinander lief und rief, Flüche erschallten und hier und dort ein Streit losbrach.
Neun oder zehn unter ihnen fehlten und mit ihnen die beiden vollgeladenen Wagen samt Zugtieren, die Waffen der Söldner, sowie die Goldbeutel der Gruppe. An jenem Baum, an den man den Gefangenen gefesselt hatte, baumelte der durchtrennte Strick zum mit Moos bedeckten Boden und das Ochsenjoch lehnte am Stamm in den jemand ein ebensolches Tier geritzt hatte, dass dem Beobachter die Zunge herausstreckte.
Wer kennt ihn nicht,
den Grünen Ronn,
aus dem Zankharawald ?
Bleib du nur fern vom grünen Tann',
sonst narrt er dich alsbald.
